Oma allein zu Haus

Urula Märzhäuser kann ihre Wohnung nach einem Schlaganfall kaum noch allein verlassen. Foto: Walter Fischer / WAZ FotoPool
Urula Märzhäuser kann ihre Wohnung nach einem Schlaganfall kaum noch allein verlassen. Foto: Walter Fischer / WAZ FotoPool
Foto: Walter Fischer

Witten.. „Ach du meine Güte?“, ruft Ursula Märzhäuser, als sie den Fotografen sieht. „Was wollen Sie denn fotografieren?“„Sie!“, sagt er. Sie dreht sich um, stützt sich auf ihren Rollator und kontert: „Was krieg ich dafür?“

Ihren Humor hat die Rentnerin nicht verloren. Dabei hat der Schlaganfall ihr sonst vieles genommen: ihre Gesundheit und den Radius eines aktiven Lebens. Ursula Märzhäuser wohnt allein in einem Mietshaus, rausgehen kann sie kaum. „Mir fehlt die Kraft, um unten die Tür zu öffnen.“

Die 68-Jährige nimmt in ihrem Sessel Platz. Nur wenig Licht fällt ins Wohnzimmer. Wie verbringt sie Weihnachten? „Wie jeden anderen Tag auch.“ Es klingt nicht verbittert, einfach nur pragmatisch. Die Wittenerin kann ja selbst nicht viel anderes machen als zu warten, bis der Besuch kommt. Gerne würde sie selbst mal in die Kirche gehen. Vielleicht dann, wenn sie ab März in eine barrierefreies Wohnheim kommt.

Das DRK kümmert sich per Hausnotruf um die sturzgefährdete Seniorin, ihr Sohn unterstützt sie beim Einkaufen und Kochen. Die Schlaganfallpatientin hat ihr eigenes kleines Weihnachtswunder schon erlebt. Der Notrufknopf, den sie immer um den Hals trägt, hat ihr das Leben gerettet. Beim Sturz in der Küche machte Ursula Märzhäuser versehentlich den Herd an, dort schmolz dann eine Plastikschüssel. Die Seniorin alarmierte die Helfer und wurde aus der verqualmten Wohnung gerettet. Ihr Wunsch für 2012: „Das können Sie sich doch denken“, sagt sie zum Abschied. Möge es ihr bald besser gehen!

Hinter der nächsten Tür wartet eine andere ältere Dame, die den Hausnotruf nutzt. Emma Jisbrecht sitzt im Rollstuhl. 83 Jahre alt, mit rotem Pulli und guter Laune. „Weihnachten?“, sagt sie, „Hauptsache, es ist gemütlich.“ Auch Emma Jisbrecht lebt allein in einer Mietwohnung, auch ihr Leben findet hauptsächlich zwischen Küche und Wohnzimmer statt. Aber sie hat eine große Familie, die sie besucht und sich kümmert.

So sind ihre Feiertage oft prall gefüllte Familientage. An der Küchenwand hängen Bilder von ihren Kindern und Enkelkindern. In den Räumen glimmert Festdekoration, fein hergerichtet von den Angehörigen. „Kochen müssen die, ich kann das nicht mehr“, sagt die 83-Jährige. Dann lacht sie und ruft:„Aber ich esse alles.“

Wir besuchen noch eine dritte ältere Dame. Maria Rhode öffnet Wohnungstür. Da steht sie vor uns, stolze 91 Jahre alt, im Hausrock, mehr als einen Gehstock braucht sie nicht. „Na, das ist ja was“, ruft die Seniorin zur Begrüßung und bittet ins weihnachtliche Wohnzimmer. „Selbst geschmückt“, sagt sie.

Das DRK bringt ihr dreimal die Woche Essen, sie erhält Unterstützung beim Putzen und Einkaufen. Zu Weihnachten hat Maria Rhode das Menü „Entenkeule“ bestellt. Heiligabend will der Sohn zum Essen kommen. „Mehr brauche ich auch gar nicht“, sagt sie. „Ich bin daran gewohnt, alleine zu sein.“ Ihr Mann ist vor 14 Jahren gestorben, seitdem verbringt sie ihre Tage in der Dreizimmer-Wohnung allein. denkt nach, wird plötzlich traurig, erzählt von ihrem Sohn, den sie so früh verlor.

Dann kehrt die Zuversicht wieder. Maria Rohde ist froh über ihre Gesundheit: Mit 91 kann sie noch Treppen steigen. „Und im Kopf bin ich fit.“ Sie war stets aktiv. Dafür sorgten viel Arbeit an frischer Luft, Tanzabende - selbst jetzt hat sie ständig etwas zu tun. „Von Arbeit ist noch keiner gestorben“, sagt sie zwinkernd. Ihr größter Wunsch? „Dass ich noch mal den Frühling erlebe, meine liebe, liebe Sonne.“

 

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