Neue Chance für arbeitslose Schwerbehinderte

Üben ein Bewerbungsgespäch: Jobcoach Nicole Maria Becker und Detlev Rettschlag, der 33 Jahre bei Opel arbeitete und schwerbehindert ist.
Üben ein Bewerbungsgespäch: Jobcoach Nicole Maria Becker und Detlev Rettschlag, der 33 Jahre bei Opel arbeitete und schwerbehindert ist.
Foto: Marianne Schäfer
  • Netzwerk aus Arbeitsagentur, Jobcenter und Fortbildungsakademie hilft Klienten beim Arbeitseinstieg
  • Das Projekt heißt „InkHagenEN“ und hat einen Standort in Annen
  • Vier von 18 schwerbehinderten Teilnehmern in Witten wurden schon in Festanstellung vermittelt

Witten..  Im EN-Kreis sind derzeit fast tausend Schwerbehinderte arbeitslos gemeldet – plus vier Prozent mehr als 2015. In Witten fast 400, ein Plus von 11,7 Prozent. Und das, obwohl die Wirtschaft brummt. Hier setzt das Projekt „InkHagenEN“ an, das behinderten Langzeitarbeitslosen neue Chancen auf dem Arbeitsmarkt eröffnen will.

Der sperrige Titel ist eine Abkürzung für „Inklusion in Hagen und im EN-Kreis“. Bei dem Projekt zur Inklusion, also zur Eingliederung behinderter Menschen, arbeiten die Agentur für Arbeit Hagen, die Jobcenter EN und die Fortbildungsakademie der Wirtschaft (FAW) zusammen.

Für zunächst drei Jahre steht die finanzielle Förderung des Maßnahmenpakets. Insgesamt 44 Teilnehmer werden aktuell an den Standorten Hagen und Witten geschult, davon 18 in der Ruhrstadt. Hier sind die FAW-Räume im zweiten Obergeschoss der Halle B 14 im Industrie- und Technologie Gewerbepark in Annen, Stockumer Straße 28, der zentrale Schulungsort.

Das Projekt hat schon einige Vorlaufzeit: 2014 hatten sich die Hagener Arbeitsagentur, Jobcenter und FAW mit „InkHagenEN“ am Förderprogramm-Wettbewerb des Bundes zur verstärkten Eingliederung Schwerbehinderter ins Arbeitsleben beteiligt. Dazu waren 50 Millionen Euro bundesweit im Topf. „InkHagenEN“ konnte mit seinem Konzept überzeugen, eine Million flossen also hierher.

Bis zu einem Jahr kümmern sich die Jobcoaches um jeden Teilnehmer

„Vier von unseren 18 Teilnehmern in Witten konnten wir schon in Festanstellungen vermitteln. Fünf befinden sich in betrieblichen Erprobungsphasen“, sagt Jobcoach Nicole Maria Becker nicht ohne Stolz. Die Intergrationsinitiative läuft hier seit April. Festanstellungen fanden beispielsweise zwei schwerbehinderte Teilnehmer in der Buchhaltung des Callcenters QVC in Bochum. Aus Wittens Nachbarstadt kommt auch Detlev Rettschlag. 33 Jahre hat er bei Opel Getriebe gefertigt, bis der Autobauer dicht machte. „Jetzt beginne ich in einer Erprobungsphase als Fahrer bei einer Firma für Schüler- und Krankentransporte“, sagt der 59-Jährige, der schon mehrere Herz-Operationen hinter sich hat. Auch Rücken und Gelenke haben in all den Arbeitsjahren schwer gelitten. Eine „leichte körperliche Tätigkeit, beispielsweise am Empfang“, können sich Rettschlags Berater für den Schwerbehinderten vorstellen.

Bis zu einem Jahr pro Teilnehmer kümmern sich die Wittener Jobcoaches Temel Yilderim und Nicole Maria Becker um ihre Klienten. Die sind von Anfang 20 bis Ende 50, haben meist körperliche oder psychische Erkrankungen. Die Berater helfen ihnen beispielsweise, Bewerbungen zu schreiben oder sich in simulierten Vorstellungsgesprächen gut zu präsentieren, begleiten ihre Klienten mit zu „echten“ Vorstellungsterminen oder spenden Trost, wenn’s nicht geklappt hat.

Auch an der weiteren Vernetzung von Firmen, die bei der Inklusion mitmachen wollen oder könnten, wird von den Projektpartnern emsig gewerkelt. Denn auch bei Firmenchefs müssen Vorurteile abgebaut werden. „In unserer Region ist noch viel Nachholbedarf. Gerade bei kleineren Unternehmen“, weiß Heiner Dürwald, Geschäftsführer Jobcenter EN.

Die natürlich freiwillige Zuweisung Schwerbehinderter zum Pilotprojekt „InkHagenEN“ erfolgt über die Sachbearbeiter der Arbeitsagentur oder des Jobcenters. Unternehmen, die mitmachen wollen, können sich bei der FAW-Außenstelle in Annen unter 2051920 -11 melden. Jeder neue Arbeitsplatz ist für die Betroffenen ein Gewinn.

Gabriele Ostholt ist stark sehbehindert. „Der Liebe wegen“ ist sie die 38-Jährige in diese Region gekommen. Denn ihr Mann ist Gevelsberger. Seit Juli nimmt sie am Inklusionsprojekt „InkHagEN“ in Annen teil.

Die 38-Jährige hat Sozialpädagogik in Münster und Koblenz studiert und mit einem Diplom abgeschlossen. Außerdem hat sie eine Ausbildung zur Fremdsprachensekretärin absolviert. „Erstmals war ich viereinhalb Jahre nach dem Studium arbeitslos“, erinnert sie sich. Dann hat die bei der Fortbildungsakademie der Wirtschaft in Neuwied als pädagogische Mitarbeiterin im Jugendbereich gearbeitet. „Bevor ich jetzt hier beim Inklusionsprojekt mitgemacht habe, war ich nochmal 15 Monate arbeitslos“, erzählt sie weiter. Gerade hat sie ein Praktikum im Kindertreff Vormholz absolviert: „Ich war eine Woche da. Es hat mir gut gefallen. Besonders die Atmosphäre dort war schön familiär.“

Nun ist die Gevelsbergerin für sechs Wochen in Dortmund bei „Mobile“, dem Verein für selbstbestimmtes Leben Behinderter. Dort arbeitet sie in der Sparte ambulant unterstützten Wohnen im kaufmännischen Bereich. Gerne würde Gabriele Ostholt bei „Mobile“ Fuß fassen. Sie, die ja selbst schwerbehindert ist, meint strahlend: „Das wäre mein Traumjob, die Inklusion voran zu bringen.“

 
 

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