Modistin auf Wanderschaft macht Station in Witten

„Thoko, fremd und frei reisende Modistin“: So stellt sich die 24-Jährige auf der Walz vor.
„Thoko, fremd und frei reisende Modistin“: So stellt sich die 24-Jährige auf der Walz vor.
Foto: WAZ
Thoko ist seit über einem Jahr unterwegs und arbeitet mal hier und mal dort. In Simbabwe ist sie geboren, in Bonn hat sie ihre Gesellenprüfung abgelegt, nun ist sie zu Besuch in Witten. Die "fremd und frei reisende Modistin" ist auf der sogenannten Walz und gönnt sich nur im Winter ein Flugticket nach Südafrika.

Witten. Solche wie sie sieht man eher selten in der Stadt: Thoko trägt eine Kluft mit schwarzer Hose und weinroter Cordjacke, auf dem Rücken eine hölzerne Kraxe mit ihrem in Tücher gewickelten Gepäck und in der Hand den Stenz – einen Stock, den sie im Wald gefunden und selbst geschält hat. Die 24-Jährige ist auf der Walz und hat ein paar Tage in Witten Station gemacht. Für die Zeit der Wanderschaft ist sie „Thoko, fremd und frei reisende Modistin“.

So stellt sie sich den Leuten vor. Denn angesprochen wird sie oft.

Schließlich fällt sie in dieser Montur auf. Als Frau sowieso. „Fremd“, das heißt, sie ist nicht zu Hause. Und „frei“ bedeute: „Ich gehöre keinem Schacht, also keiner Gesellenorganisation an.“ Ende August 2011 hat Thoko, die im afrikanischen Simbabwe geboren wurde, ihre Gesellenprüfung abgelegt. Weil sie Hüte liebt und sich an der Uni nicht sagen lassen wollte, was Kunst ist, lernte sie, Kopfbedeckungen zu fertigen. Einen Monat, nachdem sie den Brief in der Tasche hatte, lief sie los.

Drei Monate in Südafrika

Bis dahin lebte die junge Frau in Bonn. Auf der Landkarte, die sie aus ihrer Tasche zieht, hat sie mit dem Zirkel einen roten Kreis einige Kilometer weit um ihre Heimatstadt gezogen: „Das ist der Bannkreis. Da darf ich nicht hin.“ Was sie darf: ihren Bruder in Siegen besuchen oder die Oma in Freiburg. Sie zieht mal hierhin, mal dorthin. War auch schon drei Wochen in London. Und gönnt sich im Winter mit ihrem Freund, der Zimmerer ist, drei Monate – länger darf sie an einem Ort nicht bleiben – in Südafrika. „Es ist mir wichtig, dass er in dieser Zeit auch etwas von meinem Leben mitkriegt“, sagt Thoko. Deshalb der Kompromiss mit dem Flugticket. Sonst geht sie aber meist zu Fuß oder versucht ihr Glück per Anhalter.

Mindestens drei Jahre und einen Tag ist sie auf Wanderschaft. Freiwillig. „Früher“, weiß Thoko, „war das Pflicht für alle Handwerksgesellen, die Meister werden wollten“. Sie sieht die Zeit als Möglichkeit, sich nicht nur auf der handwerklichen, sondern auch auf der persönlichen Ebene weiterentwickeln zu können. „Das ist Luxus – ähnlich wie ein Freiwilliges Soziales Jahr.“

Seit knapp einem Jahr ist Thoko unterwegs 

Gestalten kann sie es ganz nach ihren Vorstellungen. Ihr Wanderbuch allerdings wird später Aufschluss darüber geben, wie sie die Zeit genutzt hat. Und es wäre blöd, wenn dann nur Stempel von Kneipen drin wären. Neulich habe sie zum Beispiel auf einem Festival gearbeitet. In Witten dagegen steuerte Thoko gezielt den Hutsalon von Bärbel Wolfes-Maduka an der Hammerstraße an. Weil es dort gerade nichts zu tun gab für eine zusätzliche Kraft, durfte sie das vorhandene Werkzeug nutzen, um für sich zu arbeiten. Auch eine Übernachtungsmöglichkeit fand sich: bei Azubi Jasmin. „Man weiß nie, was auf einen zukommt, wappnet sich für alles und ist trotzdem oft überrascht“, sagt Thoko.

Knapp ein Jahr ist die Modistin jetzt unterwegs. Heimweh nach Bonn? „Das nicht“, sagt Thoko, „aber ich merke, wie wichtig mir die eigene Familie wird“. Abbrechen könnte sie die Walz nur in Ausnahmefällen, etwa bei Krankheit oder Schwangerschaft. Doch daran mag Thoko gar nicht denken.

Sie zieht einfach weiter in ihrer auffälligen Kluft, einen selbst gemachten Hut auf dem Kopf. Der ist ein Symbol der Handwerker für die Freiheit. Und die wird Thoko auf ihrer Walz weiter genießen.

 
 

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