Mit sechs Jahren im Bunker geraucht

Michael Röder zeigt auf den zugemauerten Bunkereingang im Hang an der Herbeder Straße, den nicht ganz ungefährlichen Spielplatz seiner Kindheit. Foto: Michael Korte / WAZ FotoPool
Michael Röder zeigt auf den zugemauerten Bunkereingang im Hang an der Herbeder Straße, den nicht ganz ungefährlichen Spielplatz seiner Kindheit. Foto: Michael Korte / WAZ FotoPool

Witten.. Heutzutage sind sie kaum noch zu sehen, die Schutzbunker aus dem Zweiten Weltkrieg im steilen Hang an der Herbeder Straße. Früher spielten dort Kinder. Eines von ihnen war Michael Röder (62), der oberhalb des Bergs am Kleff wohnte.

Autos rasen im Sekundentakt vorbei. Der Steilhang ist sorgfältig mit einem Drahtnetz überspannt. Im letzten Jahr wurde die Herbeder Straße für lange Zeit gesperrt, weil Felsbrocken auf die Straße gefallen waren. „Früher haben sich Steine gelöst, während wir in den Höhlen waren. Das war auch ganz schön gefährlich und da hat es niemanden interessiert“, erinnert sich Zeitzeuge Michael Röder.

Direkt nach dem Krieg gab es keine Spielplätze in der Stadt. Deshalb mussten sich die Kinder und Jugendlichen selbst helfen. Die Bunker, die ihre Eltern noch einige Jahre zuvor genutzt hatten, um Schutz vor Bomben zu suchen, kamen den Jungen da sehr gelegen. Allein der Weg zu der Höhle, die sich ungefähr gegenüber dem Westfälischen Wasserwerk befindet, war abenteuerlich. „Es gab zwar einen Wanderweg, aber der war ja langweilig. Nein, wir hangelten uns den Berg hinab, um dort hinzugelangen“, erinnert sich Michael Röder.

In der Höhle spielten sie und haben Zigaretten geraucht. Der damals Sechsjährige wurde regelrecht zum Qualmen verdonnert. „Ich war der Kleinste und hätte die anderen ja verpfeifen können. Da musste ich auch rauchen.“ Damals konnte man die Glimmstängel noch für zehn Pfennig das Stück kaufen.

Die Warnungen ihrer Eltern konnten Michael Röder und seine Freunde nicht davon abhalten, in den Bunkern zu spielen. Auch das Verbot, zu den Fischern an die Ruhr zu gehen, wurde ignoriert. Schließlich machte so ein Unterfangen erst richtig Spaß, wenn man es eigentlich nicht durfte. „Unsere Eltern hatten immer mehr Angst als wir. Die meisten von uns konnten nicht schwimmen, daher rührte das Verbot“, sagt der 62-Jährige. Wenn die Eltern die Jungs dann doch einmal erwischten, flüchteten diese in den Berg und den Bunker.

„Davor hatten die Eltern Angst und kamen uns nicht nach. Zuhause hat es dann aber Ärger gegeben.“ Besonders aufregend fanden die Jungs eine selbst gebaute Schaukel in den Baumkronen am Hang. Auf der einen Seite war man einen Meter vom Boden entfernt, auf der anderen 20. „Einmal hatte ich einen ziemlich schlimmen Absturz und bin in Brombeersträuchern gelandet. Völlig zerkratzt war ich danach. Alle dachten, meine Eltern würden mich misshandeln“, meint Michael Röder schmunzelnd.

Im Nachhinein weiß der Heimatinteressierte, dass sein Handeln unklug war. Der Wittener ist froh, dass die Bunker jetzt zugemauert sind. Denn die Gefahr sei viel zu groß. „Damals war es das Größte. Wir hatten ja nichts anderes.“

 

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