Mit Erdbeeren in Witten auf Stimmenfang

Wahlplakat „Strawberry Fields forever“ der Piraten Witten mit ihrem Bürgermeisterkandidaten Stefan Borggraefe. Ein Teil der Erdbeerfelder an der Kleinherbeder Straße könnte Teil eines geplanten interkommunalen Gewerbegebietes werden. Eine Hevener Bürgerinitiative hat dagegen massive Einwände.
Wahlplakat „Strawberry Fields forever“ der Piraten Witten mit ihrem Bürgermeisterkandidaten Stefan Borggraefe. Ein Teil der Erdbeerfelder an der Kleinherbeder Straße könnte Teil eines geplanten interkommunalen Gewerbegebietes werden. Eine Hevener Bürgerinitiative hat dagegen massive Einwände.
Foto: Funke Foto Services
Wer hat wo bei der Bürgermeisterwahl besonders gewonnen oder verloren? Die Redaktion wertete alle 54 Wahllokale aus – mit überraschenden Ergebnissen.

Witten..  Welcher Politiker kommt wo an – und warum? Der Blick auf die Ergebnisse in den 54 Wahllokalen lässt einige Rückschlüsse zu.

Witten-Mitte

Die Innenstadt ist Piratenland! In der Boecker-Stiftung (Breite Straße) räumte Stefan Borggraefe (Gesamtergebnis 10,5 %) fast sensationelle 23,5 % ab, in weiteren Lokalen um die 17 %. Junge, internetnahe Menschen könnten dafür den Ausschlag gegeben haben, vielleicht auch das studentische Wiesenviertel. Borggraefe hatte seine Infostände nur in der City aufgebaut.

Die Wahlbeteiligung im Zentrum war aber – schon schlechte Tradition – niedriger als anderswo. Ulla Weiß (Linke) holte dort ihre einzigen zweistelligen Ergebnisse, wohl auch wegen ihrer Sozialforderungen (Millionärssteuer, keine Maßregelung für Hartz-IV-Bezieher). Sonja Leidemann leistete sich in der Boecker-Stiftung mit 24,2 % Prozent den schlimmsten Ausrutscher. Der zugehörige Briefwahlbezirk (nicht in der Tabelle) ging mit 49,3 % aber klar an sie. Frank Schweppe lag in fünf von 17 Innenstadtlokalen (bis Nr. 1802) vorn. Das schaffte er sonst stadtweit nur noch viermal (gesamt: 54 Wahllokale).

Stockum

Stockum, das „pro Leidemann“ galt, lag in etwa im Gesamttrend. Die amtierende Bürgermeisterin holte sich im Norden drei von vier Lokalen. Gleichauf lag sie mit Schweppe im Gemeindehaus St. Maximilian Kolbe. Borggraefe räumte in der Harkortschule überproportional ab, vielleicht dank eigener Stockum-Plakate für „Blühene Landschaften“, die nicht dem Gewerbe geopferte werden sollen.

Annen

Der nach der Innenstadt einwohnerstärkste Stadtteil wählte „uneinheitlich“, wie man bei der Börse sagen würde. Frank Schweppe lag zweimal vorn – in der Holzkampschule und im Awo-Seniorenzentrum Kreisstraße. Im Technischen Rathaus (zwei Lokale) musst er allerdings auch einmal 27 % einstecken. 20,1 % dort für Stefan Borggraefe? Der Stadtplan hilft weiter: Der Pirat wohnt gleich um die Ecke.

Rüdinghausen

Im gutbürgerlichen Osten konnte der „Bürgerbündnis“-Kandidat Schweppe verhältnismäßig gut punkten. Im Ev. Gemeindehaus lag er neun Prozentpunkte vor der Bürgermeisterin. In der Rüdinghauser Schule (zwei Lokale) war’s einmal genau umgekehrt, einmal lagen beide gleichauf. Klare Verhältnisse auf dem Schnee: Im ev. Gemeindehaus ließ die Bürgermeisterin nichts anbrennen, fuhr 52,6 % ein. Da war doch was? Leidemann hatte sich für eine Nachfolge des geschlossenen Edeka stark gemacht. Der Sprecher der örtlichen Initiative gehört zu ihrem Wahlkampfteam.

Bommern

Das Ergebnis ist unauffällig. Gerade daran fällt auf: Von den beiden Ratswahlkreisen hatte die CDU der SPD bis 2014 den westlichen abspenstig gemacht. Das Wählerpotenzial der Union ließ sich aber wohl nicht wie erhofft zur Wahl des Groko-Kandidaten mobilisieren.

Heven

In Heven musste Schweppe eine ganz bittere Pille schlucken: 28 und 29 % am eigenen langjährigen Wohnort. Noch dazu war der Südwesten zeitweise CDU-Hochburg – Mobilisierung Fehlanzeige. Der Prophet gilt nichts im eigenen Lande? (Einwand: Bei Leidemann stimmt das jedenfalls nicht). Gegenthese: Er zahlte den Preis dafür, dass er die „Option“ für die interkommunalen Gewerbeflächen nicht voreilig aus der Hand geben wollte,

Sonja Leidemann verwies klarer auf den St. Nimmerleinstag – wahltaktisch die klügere Entscheidung. Und ja: Auch Erdbeerfeld-Beschützer Stefan Borggraefe holt im Hevener Westen mehr Stimmen als anderswo.

Herbede & Vormholz

Leidemann fuhr an ihrem Wohnort Herbede satte 55 % ein, an der Hardensteinschule 48 und 57 %. Beim WAZ-Wahlforum ließ sie in der Diskussion das Stichwort „Neubau“ fallen – ein Schelm, der Böses dabei denkt. Schweppe sprach von sechs möglichen Szenarien, darunter der Umzug der Schule, und dass gerade Kosten erfasst würden. Die Rechnung bekam er schon jetzt: 27 % in der Hardensteinschule. Den Wählern reinen Wein einschenken? Schmecken tut er ihnen nicht.

Durchholz

Sein wahres „Waterloo“ erlebte Schweppe in Durchholz: 25,8 %. Dort stand mal eine Grundschule – Schweppe war und ist Schuldezernent. Schulen abzureißen kommt nicht gut an. Dass die Bürgermeisterin genauso beteiligt war wie er, ist offenbar verziehen (44,2 %) – an „Teflon-Sonja“ blieb nichts hängen.

Buchholz

Trostpflaster für Schweppe: Dort lag er mit 48,6 % fast acht Punkte vor Leidemann. Die Groko sollte für die Stichwahl hinsehen: Von Buchholz lernen heißt siegen lernen.