Mircos Eltern erzählen in Witten von der schlimmen Tragödie

Bilder von MIrco, wie sie in vielen Familienalben zu sehen sind: bei der Einschulung oder im Urlaub. Sie sind Teil des Buchs, das seine Eltern geschrieben haben: „Verlieren. Verzweifeln. Verzeihen.“
Bilder von MIrco, wie sie in vielen Familienalben zu sehen sind: bei der Einschulung oder im Urlaub. Sie sind Teil des Buchs, das seine Eltern geschrieben haben: „Verlieren. Verzweifeln. Verzeihen.“
Foto: Fischer / WAZ FotoPool
Ihr Sohn Mirco wurde entführt, missbraucht und erdrosselt. Sandra und Reinhard Schlitter erzählen in der Wittener Martin-Luther-Kirche, wie sie dieses Schicksal mit großem Gottesvertrauen meistern. Dem Täter haben sie vergeben. Den Eltern ist wichtig, dass ihr öffentlicher Auftritt nicht missverstanden wird.

Witten.. Diese furchtbare Geschichte ließ die Öffentlichkeit mit der Familie hoffen und bangen: Am 3. September 2010 verschwand der zehnjährige Mirco abends auf dem Heimweg. Knapp fünf Monate später wurde er entdeckt: missbraucht und erdrosselt. Nun sprechen seine Eltern Sandra und Reinhard Schlitter ganz offen über ihre Verzweiflung, ihren Glauben und ihre Vergebung für den Täter.

An diesem Abend sind sie zu Gast in der Martin-Luther-Gemeinde an der Ardeystraße. Rund 60 Besucher sitzen in den Bänken. An der Seite ein Tisch mit Büchern, auf deren Vorderseite das Bild von Mirco zu sehen ist, das wir alle aus den Medien kennen. Ja, die Eheleute haben niedergeschrieben, was sie erlebt haben. Und weil ihr öffentlicher Auftritt auch irgendwie missverstanden werden könnte, stellt Sandra Schlitter gleich zu Anfang klar: „Wir möchten nicht, dass es heißt, wir machen Geld mit unserem Sohn.“ Sie erzählen nur auf Einladung von ihrem Schicksal, der Eintritt dient der Deckung der Kosten. „Wir möchten andere Menschen ermutigen und zeigen, dass es Gott ist, der uns trägt“, sagt die 37-Jährige, die dabei gefasst, beinahe fröhlich wirkt. Es ist ihr Mann, dem später, als er nach vorn tritt, um Fragen zu beantworten, manchmal die Stimme zu brechen scheint.

Wer nicht glaubt, wird innerlich den Kopf schütteln

Die Bibel, Gebete, kirchliche Lieder – all diese Texte und Gebote, nimmt die fünfköpfige Familie, die Mitglied der Freien Christengemeinde in Krefeld ist, sehr ernst. Das ist es, was ihr hilft, nicht am Verlust zu zerbrechen, sondern sich dem Leben zuzuwenden. Wer nicht oder nicht so intensiv glaubt, dem wird es schwerfallen, das zu verstehen. Der wird innerlich den Kopf schütteln, wenn Sandra Schlitter Sätze sagt wie: „Ich wusste, Mirco kann nichts passieren, weil Gott da ist.“ Oder: „Das Beste, was ich mir für unseren Sohn vorstellen konnte: dass er bei Gott im Himmel ist.“ Sie erklärt, dass Gott wie ein Freund sei, mit dem sie im Alltag spreche. Vielleicht, sagt sie hinterher, „klingt das für manche tatsächlich naiv“. Vielleicht aber könnten die Leute es einfach nicht aushalten, wie sie versuchen, die Tragödie zu überleben.

Dabei helfe ihr auch, nicht zu grübeln darüber, was Mirco geschehen sein könnte. Sie und ihr Mann hätten sich nie gegenseitig die Schuld an dem, was geschah, gegeben. Sandra Schlitter spricht – unbewusst, erklärt sie später – nicht von Tod oder Sterben: „Mirco ist verloren gegangen.“ Sein Zimmer in ihrem Grefrather Haus aber, wo sie inzwischen nicht mehr monatelang hinter geschlossenen Rollläden leben müssen, um die Kameras auszusperren, lassen sie unverändert.

Über zwei Stunden erzählen die Schlitters: „Es ist Zeit, die ich sonst vielleicht mit Mirco verbracht hätte“, sagt seine Mutter lächelnd.

Auch Jahre nach der Tat haben Außenstehende Fragen

Die Fragen aus dem Publikum an Sandra und Reinhard Schlitter kommen zögerlich. Eine vierfache Mutter meldet sich. In ihrer Stimme schwingt eine Spur Verständnislosigkeit mit: „Warum haben Sie erst am nächsten Tag gemerkt, dass ihr zehnjähriger Sohn am Abend zuvor nicht nach Hause gekommen ist?“ Sandra Schlitter antwortet, als hätte sie diese Frage, in der ein Vorwurf unüberhörbar mitschwingt, oft gehört: „Ich wusste, dass Mirco unterwegs ist, war selbst fix und fertig von der Arbeit und bin ins Bett gegangen. Ich kann meinem Kind nicht auf Schritt und Tritt nachgehen.“

Einer stellt die Frage nach dem Täter, dem vergeben wurde: „Das hört sich so einfach an. War das ein Kampf?“ Reinhard Schlitter entgegnet: „Wir billigen und entschuldigen die Tat nicht, aber Gott möchte nicht, dass wir anklagen.“ Sie glaube aber auch nicht, dass Gott gewollt hätte, dass einem Kind so etwas Widerliches widerfährt, sagt eine Frau. Kein anderer Mensch könne verstehen, was sie durchmachen. „Und Gott ist größer als alle psychologische Hilfe.“

 
 

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