Witten

Künstler schläft in Baumhaus vor der Uni

Foto: WAZ FotoPool

Witten. Es ist ein kurioses Bild, was sich da am Eingang der Uni bietet: Auf einem Autoanhänger steht ein Baumstamm, auf dessen Spitze thront ein Baumhaus. Mit Leiter, Fenster und Schlafmatratze.

Das rollende Holzhaus gehört Künstler Wolfgang Karl May. Zwei Monate wird er mit Studenten arbeiten - und jede einzelne Nacht in seinem luftigen Häuschen schlafen. „So nah war noch kein Dozent an der Uni“, schmunzelt er.

Als „artist in residence“ ist er genau wegen der Nähe hier. In den nächsten Wochen wird sich der 43-Jährige kreativ mit den Studenten austauschen, eine Performance auf die Beine stellen und neue Ideen verfolgen. Seine Studenten müssen im wahrsten Sinne des Wortes bohren können und frei denken - mehr nicht.

Was dabei rauskommen kann, wenn die Grenzen im Kopf wegfallen, kann jeder am Eingang der Uni sehen. Wie eine freche Ermahnung, die Dinge anders zu machen, steht das Baumhaus da: Eine Leiter führt hoch in das Domizil des Künstlers. Die Innenwand ist pink-weiß, eine Matratze liegt am Boden. Wolfgang Karl May zieht die Schuhe aus und setzt sich in etwa sechs Meter Höhe in die Eingangstür. „Ich muss noch aufräumen.“

Wolfgang Karl May hat schon vieles in seinem Künstler-Leben gemacht. Der studierte Maler brach irgendwann mit der klassischen Gemäldemalerei. Er hatte plötzlich Zweifel, eine Krise. Dann begann er, Leinwände mit Hartschaum einzudrücken, um sie scheibchenweise zu zersägen. „Ich musste mich an den Bildern für meine Qualen rächen“, erzählt er.

Er wurde zum Performer, zum Installateur, zum Akteur. 2002 stand er in seinem Geburtsort Bamberg auf einem Autobahnschild. „Let’s get out of here“ (Raus hier) nannte er die Aktion. Er ist durch den Bamberger Dom geritten und hat immer an Baumhäusern gearbeitet. Abgehoben wirkt der Familienvater nicht, eher bescheiden, verschmitzt.

Um sich bei ihm im Kurs einzuschreiben, müssen sich die Studenten den Platz auf der Seminarliste wirklich erarbeiten. „Schraubt Euch ein!“ steht auf einem Schild. Heißt: Rauf auf eine Leiter, Akkuschrauber in die Hand und das Namenskärtchen auf eine Art Turm bohren.

Die Idee mit dem mobilen Holzhaus entstand in New York. Dort war der Künstler als Stipendiat auf der Suche nach einem Ort für ein Baumhaus. Er wollte damit auf den Einsturz des World Trade Centers reagieren und ein Zeichen der Hoffnung setzen. „Aber finden Sie mal einen geeigneten Baumstamm in New York“, ruft er. May führte Gespräche und machte Zeichnungen. Das Baumhaus wurde nicht gebaut - aber die Idee für die mobile Version war geboren. Ein Haus auf einem Anhänger. Damit war er an der Berliner Siegessäule. Eine Opernsängerin hat schon darin gesungen. Sitzend.

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