Kliniken: Kritik an Umgang mit Sterbenskranken zu pauschal

Der Wittener Palliativmediziner Dr. Matthias Thöns kümmert sich um eine todkranke Patientin.
Der Wittener Palliativmediziner Dr. Matthias Thöns kümmert sich um eine todkranke Patientin.
Foto: FUNKE Foto Services WAZ FotoPool
  • Kliniken reagieren auf Aufreger-Buch von Palliativmediziner Dr. Matthias Thöns
  • Wittener Arzt hatte gerade eine Überversorgung am Lebensende angeprangert
  • Krankenhäuser betonen: Behandlungen werden mit Patienten oder Angehörigen abgestimmt

Witten.. Das Buch des Wittener Palliativmediziners Dr. Matthias Thöns über den Umgang mit Sterbenskranken in Deutschland und einer Überversorgung bis zum Lebensende hat bei Wittener Ärzten für Irritationen gesorgt.

Thöns hatte das Buch „Patient ohne Verfügung“, das an diesem Donnerstag erscheint, unserer Zeitung vorgestellt. Darin beklagt der Mediziner, dass in deutschen Krankenhäusern mit Sterbenskranken ein großes Geschäft gemacht werde. Sein Vorwurf: „Es geht nicht um den Menschen, sondern nur noch um Gewinne.“

Chefarzt der Intensivmedizin: „Patienten würden sonst ersticken“

Dr. Thomas Meister, Chefarzt der Klinik für Anästhesiologie und operative Intensivmedizin am Evangelischen Krankenhaus Witten (EvK), findet Thöns Anschuldigungen „dermaßen pauschalierend, dass es mir schwerfällt zu glauben, dass das in Deutschland flächendeckend passiert“. Meister weiter: „Bei uns werden Patienten beatmet, weil sie sonst ersticken würden, nicht weil die Klinik damit Geld machen will.“

Rund jeder zweite Kranke, der auf der Intensivstation des EvK behandelt werde, so Meister, habe heute eine Patientenverfügung. Da diese aber oft sehr allgemein gehalten sei, könnten Ärzte hieraus nicht immer ablesen, was der Wunsch des Patienten sei. „Denn Patientenverfügungen können nie alle Krankheitssituationen berücksichtigen.“

Manchmal auch Angehörige uneins über weitere Behandlung

Könne jemand sich nicht mehr selbst äußern, würden Angehörigen zu dessen mutmaßlichem Willen befragt. Meister: „Und auch dies ist nicht immer einfach, weil sie in solchen Krisensituationen häufig unter Schock stehen.“ Nicht zuletzt gebe es auch Fälle, „in denen es mehrere Kinder gibt, die sich uneins sind, wie in der Behandlung weiter verfahren werden soll“.

Der Intensivmediziner betont, dass im EvK mit den Angehörigen über Behandlungen von Schwerstkranken und die damit verbundenen Chancen gesprochen werde. „Und dies in der Regel nicht nur einmal.“ Wenn die behandelnden Ärzte sähen, dass eine Behandlung dem Kranken nicht mehr nütze, weil er „mit einer 99-prozentigen Wahrscheinlichkeit“ in wenigen Tagen sterben werde, würde dies auch deutlich gesagt. Meister: „Die meisten Angehörigen folgen dem ärztlichen Rat.“

Ethik-Konsil wird mit einbezogen, wie es weitergehen soll

Zudem gebe es am EvK seit 2005 ein Ethik-Konsil, dem unter anderem Ärzte, Pfleger und Mitarbeiter des sozialen und seelsorgerlichen Dienstes angehören. „Hier bespricht man etwa, ob man die nächste Lungenentzündung eines Menschen, der dem Tod geweiht ist, noch mit Antibiotika behandelt oder nicht.“

Auch das Marien-Hospital betont, dass die Behandlung immer mit dem Patienten oder Angehörigen abgestimmt werde. „In diesen Gesprächen werden Behandlungsoptionen, die von der Art der Erkrankung und dem Krankheitsverlauf abhängig sind, aber auch deren Erfolgschancen besprochen“, so Theo Freitag, Geschäftsführer des Trägers, der St. Elisabeth-Gruppe.

Wie das EvK verfügt das Marien-Hospital über ein Ethik-Konsil, das tätig wird, wenn es um die Behandlung eines Schwerkranken geht, der seine diesbezüglichen Wünsche nicht mehr oder nur schwer selbst formulieren kann. „Etwa, wenn jemand auf der Intensivstation behandelt wird“, erklärt Theo Freitag, Geschäftsführer der St. Elisabeth Gruppe.

St. Elisabeth Gruppe betreibt seit 2010 das Lukas-Hospiz in Herne

„Dem Konsil gehören der Patient, dessen Angehörige, das Behandlungsteam, der Bevollmächtigte und der Ethikbeauftragte der Klinik an, um gemeinsam den mutmaßlichen Willen des Patienten herauszufinden“, so Freitag. Entscheide sich der Patient für eine Palliativversorgung, könne diese stationär im Marien-Hospital erfolgen. „Oder das Krankenhaus kann eine stationäre Behandlung im Hospiz verordnen.“ Wünsche der Schwerkranke eine ambulante palliative Versorgung, arbeite das Marien-Hospital eng mit dem jeweiligen Hausarzt zusammen. Theo Freitag: „Damit die Palliativversorgung mit der Entlassung aus der Klinik sichergestellt ist.“ Bei Schwerstkranken werde generell über die Möglichkeit einer palliativen Behandlung gesprochen.

„Im Marien-Hospital sind mehrere Palliativmediziner tätig.“ Außerdem betreibe die Gruppe seit 2010 in Herne das Lukas-Hospiz. In Witten entsteht derzeit an der Hauptstraße ein zweites Hospiz in unmittelbarer Nähe zum Marien-Hospital. Die Eröffnung des Hauses ist für März kommenden Jahres geplant.

Rund 60 Mitarbeiter werden im Hospiz beschäftigt sein, das zehn Gästen und ihren Angehörigen in jeweils separaten Zimmern Platz bieten wird. Die Konfession soll für die Aufnahme keine Rolle spielen, sondern die Schwere der Erkrankung

 
 

EURE FAVORITEN

So schützt du deinen Hund vor der Sommerhitze

Heiße Sommer-Temperaturen sind für deinen Hund gefährlich. Deshalb solltest du diese Regeln beachten.
Di, 03.07.2018, 18.50 Uhr

Heiße Sommer-Temperaturen sind für deinen Hund gefährlich. Deshalb solltest du diese Regeln beachten.

Beschreibung anzeigen