Klanginstallation mit Fernblick im Wittener Rathausturm

Die Künstler Jens Brand  (re) und Hans Koch neben zwei von zwölf Lautsprechern der Klangisnatllation „Zifferblatt Witten“ im Obergeschoss des Rathausturms.
Die Künstler Jens Brand (re) und Hans Koch neben zwei von zwölf Lautsprechern der Klangisnatllation „Zifferblatt Witten“ im Obergeschoss des Rathausturms.
Foto: WAZ FotoPool
Während der Tage neuer Kammermusik verwandeln die Künstler Jens Brand und Hans Koch die traumhaften Dachräume mit der Rathausuhr in eine sehr interessante begehbare Klanginstallation.

Jens Brand hätte am liebsten die Rathausuhr einbezogen, sie falsch anzeigen oder bestenfalls rückwärts laufen lassen, damit das Kunstprojekt „Turmklang“ aus im Inneren ganz offensichtlich in die Stadt herausgetragen wird. Da hätten die Verantwortlichen aber sofort erschrocken abgewunken. So wird sein Werk und das seines befreundeten Künstlerkollegen Hans Koch den meisten Wittenern verborgen bleiben, leider, möchte man nach dem ersten Eindruck sagen.

Nur jeweils 15 dürfen während der Tage neuer Kammermusik bis Sonntag 16 Uhr im Halbstundentakt die 134 Stufen (gezählt ab dem mit CDU-Fraktion beschilderten Rathaus-Nebeneingang) bis zum Uhrwerk hinaufsteigen, um die Klanginstallation auf sich wirken zu lassen, eine lohnenswerte Anstrengung. Karten gibt es für 2 Euro ausschließlich im Festivalbüro im Saalbau an der Berger Straße.

Der Berliner Brand (48) war als gebürtiger Dortmunder früher oft Gast der gestern eröffneten festivals für neue Kammermusik, das ihn und dem Kölner Koch (52) mit der die Installation beauftragt hat. Eigentlich sollte noch ein für mehr Publikum zugänglicher Projektableger eines dritten Künstlers auf dem Markt vor dem Rathaus entstehen, aber dies blieb ein unerfüllter Wunsch.

Und was wird jetzt genau geboten? Im extra verdunkelten großen Uhren-Raum hat Brand eine Schwebebahn montiert. 20 Minuten benötigt der daran montierte Lautsprecher für eine Runde. Gespeist wird er von seinem eigenen Motorsirren und den Geräuschen des Uhrwerks der riesigen Rathausturm. Je nach Position des Lautsprechers in dem hallenartig imposanten (aber auch renovierungsbedürftigen) Raum ändert sich der entstehende Sound, der gleichzeitig noch aus einem rotierenden und mit seinem Licht absichtlich irritierenden Lautsprecher in der Mitte kommt. Schlicht „2“ heißt das Kunstwerk, weil es die zweite Urmaschine (ja, ohne H) von Brand ist. Empfehlung ist der Termin um halb drei, weil um 14.42 Uhr das Turmuhrwerk aufgezogen wird und diese Geräusche einfließen.

Was das alles soll? Wer möchte, kann sich damit auf Brands Webseite in aller Tiefe auseinandersetzen. Auf jeden Fall hinterlässt es einen bleibenden Eindruck, vergleichbar etwa mit Christos riesigem Ballon im Oberhausener Gasometer.

Einfacher ist es eine Etage höher bei Hans Koch. Er hat zwölf kleine Boxen in Kopfhöhe im Kreis aufgestellt. Der wahrscheinlich beste Rundumblick über Witten ist dabei unvermeidlich. Die Geräusche aus der Klang-Welt des Kollegen unter Koch plus der Sound der Stadt rund um den Rathausturm werden aufgefangen und vom Computer in die zwölf Töne unseres harmonischen Musiksystems übersetzt.

Jeder Lautsprecher spielt nur einen Ton, und die Töne wandern im Uhrzeigersinn durch den Raum. „Zifferblatt Witten“ heißt die Installation folgerichtig, für die Koch siet Mittwoch unzählige Male die 134 Stufen hoch und runtergelaufen ist.

„In der Mitte hört man am besten“, sagt Koch, und Recht hat er damit. Das Endergebnis ist ein zufällig entstehender, entrückender Tonteppich, der den Besucher die Zeit vergessen lässt. Alle 15 Minuten gibt es einen Wechsel, dann erklingt ein Stück aus dem Archiv der Tage neuer Kammermusik, übersetzt von der Tonmaschine in eine Klanginstallation mit bester Aussicht

 

EURE FAVORITEN