Hundert Wittener wurden im Tränenkeller misshandelt

Dem Keller unter der Turnhalle des Backstein-Altbaus gab der Volksmund den Namen „Tränenkeller“. Heute sind dort auch naive Wandmalerien zu sehen.
Dem Keller unter der Turnhalle des Backstein-Altbaus gab der Volksmund den Namen „Tränenkeller“. Heute sind dort auch naive Wandmalerien zu sehen.
Foto: WAZ-FotoPool
Im Schiller-Altbau verhörte und quälte die Hilfspolizei 1933 politische Gegner. Mindestens drei starben. Die Örtlichkeiten werden heute oft verwechselt.

Witten..  Der Hinweis auf den „Tränenkeller“ im Mädchenlyzeum in unserer Serie zur Stadtgeschichte hat Leser Günter Kohlstadt (83) sehr aufgewühlt: „Mein Vater war selbst eine Nacht im Tränenkeller.“

1940 oder 1941 müsse es gewesen sein. Vater Gustav Kohlstadt war Bergmann auf Zeche Holland, besaß an der Annenstraße ein großes Stück Ackerland. Das wollte ihm ein Bierverleger, ein NSDAP-Mann, abkaufen. Kohlstadt lehnte ab, sagte sinngemäß: Von mir aus können Amis oder Engländer drüberlaufen, die nehmen mir mein Land wenigstens nicht weg. Das untergrub die Kriegsmoral. SA-Leute holten den Vater ab. Er blieb über Nacht weg, kam am Morgen völlig verstört zurück. Was man ihm angetan hatte, erzählte der Vater nicht, so der Sohn. „Wir konnten es aber sehen: Er hatte blaue Flecken an den Armen und am Rücken, ein Auge war geschwollen.“

Als gesichert über den „Tränenkeller“ gilt: Die SS hatte den Backstein-Flügel des Lyzeums, das die höheren Töchter besuchten, von der Stadt angemietet. Von Februar bis August 1933 machte die Hilfspolizei, die sich aus SA, SS und Stahlhelm-Männern zusammensetzte, von dort aus Jagd auf politische Gegner. Kommunisten, Sozialdemokraten und andere wurden ins Gebäude verschleppt, verhört, brutal gequält – nicht nur im niedrigen „Kriechkeller“ unter der Turnhalle, auch unter dem Dach.

Schläge und Scheinexekutionen

Die Misshandlungen reichten von Schlägen bis zu Scheinexekutionen auf dem Schulhof, weiß Historiker Ralph Klein (59). Er geht davon aus, dass mindestens 100 Menschen dort festgehalten wurden. Von 54 kennt man die Namen, darunter drei oder vier Frauen. Drei Todesfälle sind belegt.

Klein weist aber auf eine häufige Verwechslung hin: Ab 1940 gab es im dann eröffneten Polizeiflügel auf der anderen Gebäudeseite, zur Gedächtniskirche hin, ein vergittertes Polizeigefängnis der regulären Polizei. Diese Zellen dort gibt es noch heute - „und die sehen auch noch aus wie ein richtiger Knast!“ Der „Tränenkeller“ unter der Turnhalle ist ein normaler Schulkeller mit naiver Wandmalerei.

Möglich, dass der Vater von Günter Kohlstadt um 1940 im Polizeigefängnis misshandelt wurde – nicht im „Tränenkeller“. „Das kann ich nicht ausschließen“, sagt der 83-Jährige. „Mein Vater hat bis zu seinem Lebensende nie darüber gesprochen. Auf die Frage, wo er war, sagte er nur : In der Schule.“

 
 

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