Geburtstage mit dem Führer

Touren derzeit mit dem Stück „Über das Leben“ durch NRW: Kirsten Mohri (links) in der Hauptrolle als Anni und die Wittener Autorin und Schauspielerin Beate Albrecht (in der Rolle von Annis Mutter). Foto: Walter Fischer / WAZ FotoPool
Touren derzeit mit dem Stück „Über das Leben“ durch NRW: Kirsten Mohri (links) in der Hauptrolle als Anni und die Wittener Autorin und Schauspielerin Beate Albrecht (in der Rolle von Annis Mutter). Foto: Walter Fischer / WAZ FotoPool
Foto: Walter Fischer
Das neue Theaterstück „Über das Leben - oder meine Geburtstage mit dem Führer“ der Wittener Autorin Beate Albrecht bringt Schülern den Lebensalltag im NS-Regime näher.

Witten.. Anni wird neun Jahre alt, als Adolf Hitler 1933 in Deutschland die Macht übernimmt. Die Hauptfigur in Beate Albrechts neuem Theaterstück „Über das Leben“, das jetzt auf Tournee durch Nordrhein-Westfalen geht, hat ein schweres Los gezogen: Sie hat am 20. April Geburtstag. Am gleichen Tag wie der Führer.

„Das ist eine Ehre“, erklärt ihr ein Schulfreund, der im Laufe der Zeit immer stärker in den Sog der ideologischen Indoktrinierung gerät. Hitlerjugend und BDM locken die Kinder in die Fänge der Partei. Doch geprägt vom eigenen Elternhaus (die Rolle der Mutter übernimmt Beate Albrecht selbst) entscheidet sich die heranwachsende Schülerin für das gefährliche Leben im Untergrund.

Die Geschichte um Annis Familie, die Autorin und Schauspielerin Beate Albrecht nach der Vorlage von Biografien und Zeitzeugenberichten schrieb, steht dabei exemplarisch für eine ganze Nation in den Fängen des totalitären Regimes der NS-Zeit. Heruntergebrochen auf die Mikroebene von Dorf und Nachbarschaft zeigt das Theaterstück Zuschauern ab elf Jahren die Mechanismen ideologischer Durchdringung, von Mitläuferschaft und dem verzweifelten Versuch des Widerstands.

Der Führer Adolf Hitler bleibt dabei eine allgegenwärtige und gleichzeitig doch so weit entfernte Figur, nach deren Anordnung jeder Einzelne zu handeln hat, die aber keiner direkt zu Gesicht bekommt. „Warum?“, würde Hauptfigur Anni (gespielt von Kirsten Mohri) Hitler gerne fragen. Warum der Terror? Warum der Holocaust? Warum die Verschleppung des Vaters, der schließlich als politischer Häftling in einem Lager zu Tode kommt?

Doch die Briefe, die Anni jeweils an ihrem Geburtstag formuliert, werden nie abgeschickt. Zu groß ist die Angst vor dem ständigen Terror, der in Form von uniformierten Nachbarn in dunklen Gestapo-Mänteln und brüllenden Wachleuten hinter jeder Ecke im düsteren Zwielicht der Bühne lauert. Hinter hoch aufgestapelten alten Reisekoffern verstecken sich Anni und ihre Mutter vor den NS-Handlangern. Das beschriftete Reisegepäck erinnert dabei nicht umsonst an die unzähligen Ledertaschen, die von Juden in den Güterwaggons auf der letzten Fahrt ins Konzentrationslager mitgeführt wurden.

Mit minimalistischen Mitteln wird so ein Bühnenbild geschaffen, dass als Sinnbild für das Leben im Versteck, die Hoffnung auf eine Fluchtmöglichkeit und letztendlich die Grausamkeit der Deportation steht. Die musikalische Untermalung des Saxofonisten Florian Walter (Duisburger Philharmoniker) sorgt dabei für atmosphärische Dichte. Melodisch erleben die Zuschauer, wie Stimmung und Zeitgeist von fröhlichen Geburtstagsliedern zu düsteren Tönen umschlagen, die von donnernden Befehlen und Angstschreien überlagert werden.

Dank des überzeugenden Spiels von Hauptdarstellerin Kirsten Mohri bietet die Hauptfigur Anni dem jungen Publikum eine etwa gleichaltrige Identifikationsfigur, die einfühlsam und lebendig die dunklen Zeiten der deutschen Geschichte ins Gedächtnis ruft und zum Nachdenken anregt.

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