Fünf Tage lang Mama sein

Nahmen eine „Babybedenkzeit“: die Overbergschülerinnen (vl.) Julia, Janine, Laura, Rosa und Gizem. Foto: Walter Fischer / WAZ FotoPool
Nahmen eine „Babybedenkzeit“: die Overbergschülerinnen (vl.) Julia, Janine, Laura, Rosa und Gizem. Foto: Walter Fischer / WAZ FotoPool
Foto: Walter Fischer

Witten.. Wer will mit 15 oder 16 schon Windeln wechseln oder nachts aufstehen, wenn das Baby schreit? Meist können die Betroffenen sich das nicht aussuchen. Fünf Mädchen der Overbergschule jedoch durften jetzt fünf Tage lang testen, was es heißt, Mama zu sein.

Und sie nahmen ihre Aufgabe überaus ernst. So sehr entwickelten sie Muttergefühle, dass Freitagvormittag beim Abschied von ihren Puppenbabys Tränen flossen. Da musste Astrid Kassette (37) von Pro Familia, die mit Kollegin Sybilla Aßmann (61) und der Stadt das Projekt „Babybedenkzeit“ anbietet, erst mal Taschentücher verteilen.

Puppen schreien, weinen, husten und machen Bäuerchen

Dann sitzen die Mädchen nebeneinander und werfen noch einmal sehnsüchtige Blicke auf die Säuglinge, die jetzt in einem Weidenkorb liegen. Julia (16) und Janine (15) kümmerten sich um Luca. Gizem (14) und Rosa (15) betreuten Kerim. Und Laura sorgte als alleinerziehende Mutter für Melanie. Die Namen haben die Achtklässlerinnen – wie im richtigen Leben – selbst ausgesucht.

Doch natürlich handelte es sich nicht um echte Kinder, sondern um Puppen. Die können aufgrund ausgefeilter Computertechnik schreien, weinen, husten oder Bäuerchen machen. Sie wiegen etwa 3000 Gramm – wie ein Neugeborenes – und müssen auch so vorsichtig gehalten werden. Wie das geht, hatte Hebamme Iris Distelrath (46) vorher erklärt. Mit den Babys bekamen die Mädchen eine (Geburts-)Urkunde überreicht sowie Windeln und Fläschchen. Für Kleidung, Kinderwagen oder Tragschale mussten sie selbst sorgen. Dann konnte der 24-Stunden-Job starten.

„Wir wollen erst so mit 22, 23 ein Baby."

„Am Anfang dachten wir, das wäre leicht, aber das war es nicht“, sagt Rosa. Nach dem ersten Tag wollte die eine oder andere das Kind am liebsten wieder abgeben. Doch schnell schlugen die Gefühle um. „Jetzt hängt mein Herz dran und ich habe immer noch so das Schreien im Ohr“, sagt Julia. Extra schnell seien sie duschen gegangen und nachts aufgestanden, wenn das Baby Hunger oder sonstwas hatte. Für Notfälle („bevor die Mädels die Puppe aus dem Fenster schmeißen“) hielt Schulsozialarbeiterin Andrea Möhring-Richter (52) nachts die Stellung. Doch sie erhielt keinen Anruf.

Die Umwelt reagierte unterschiedlich auf die jungen Mütter. Julias Vater brachte Tochter und „Enkel“ jeden Morgen zur Schule. Manche Jungs dort machten sich lustig, manche halfen, die Kinderwagen zu tragen. Ein altes Ehepaar fand die Idee gut. Und die Mädchen selbst wissen jetzt: „Wir wollen erst so mit 22, 23 ein Baby. Wenn man noch zur Schule geht, geht das auf gar keinen Fall.“

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