Ein Garten mit Superkräften

Bei den über 100 Pflanzen im Apothekergarten braucht es schon einen fachkundigen Experten,umdie verborgenen Heilmittel zu entdecken.
Bei den über 100 Pflanzen im Apothekergarten braucht es schon einen fachkundigen Experten,umdie verborgenen Heilmittel zu entdecken.
Foto: WAZ FotoPool
Aus den Pflanzen im Annener Apothekergarten werden schon lange keine Arzneien mehr angerührt – obwohl ihre Wirksamkeit unbestritten ist. Heute dienen sie vor allem zu Anschauungszwecken für Auszubildende und interessierte Bürger.

Witten..  Für den Laien sind es erst einmal viele, viele Blätter und Stängel und Blüten; teilweise hübsch anzusehen, teilweise eher an Unkraut erinnernd. Dicht nebeneinander stehen hier Pflanzen mit verborgenen Kräften, die Schmerzen lindern und Schmerzen zufügen, die heilen und vergiften können.

Hinter der Adler-Apotheke an der Stockumer Straße in Annen verbirgt sich eine zweite, eine grüne Apotheke: ein Apothekergarten, wie er in Witten einzigartig ist.

Ahornbäume fast 200 Jahre alt

„Ich bin sozusagen in diesem Garten aufgewachsen“, erzählt Apotheker Dr. Harald Werner, der 1986 seinen Vater als Leiter der Apotheke ablöste. Der Garten verändert sich zwar Jahr für Jahr, die alten Ahornbäume jedoch, die ihr Blätterdach über die Kräuter und Sträucher, die Bäumchen und Büsche ausbreiten, sehen ihm seit fast 200 Jahren dabei zu.

Der eigentliche Apothekergarten muss etwa zur Zeit der Apothekengründung im Jahr 1871 entstanden sein, vermutet Harald Werner. Heute dienen die Pflanzen vor allem zu Anschauungszwecken für Auszubildende – und für interessierte Besucher, denen Harald Werner bei einer Führung sein enormes Wissen gern in hoher Dosis verabreicht.

Schmale Wege führen an meterhohem Buchsbaum vorbei, der in der Antike gegen Husten und Magen-Darm-Erkrankungen eingesetzt wurde und heute in der Homöopathie als Mittel gegen Rheuma gilt, an Efeuranken – eigentlich giftig, aber als Extrakt gegen „bellenden Husten“ wirksam – und Fingerhut, der bei richtiger Dosierung herzkräftigend, bei Überdosierung tödlich wirken kann.

Mandel-, Feigen- und Walnussbäume, Rosensträucher und Kräuter wie Salbei oder Melisse: Sie alle haben neben ihrem schönen Aussehen auch eine medizinische oder zumindest kosmetische Funktion, die Harald Werner bis ins kleinste Detail erläutern kann. So wirkt Melisse beruhigend und viru­statisch, ist deshalb in einer Lippenherpes-Creme enthalten; Salbei hat schweißlindernde Wirkung. „Kurz mitgebraten und mit Wein abgelöscht“ wirkt er natürlich auch kulinarisch – das weiß auch der Apotheker zu schätzen. Die Eibe hingegen hat in der Küche nichts zu suchen: Bis auf die Beeren ist sie „von der Wurzel bis zur Spitze“ giftig, erklärt Harald Werner, sogar der Kern im Inneren der Beere enthält Gift. In der Homöopathie werde Eibe als Mittel zum Beispiel gegen Verdauungsschwäche eingesetzt; außerdem wachsen auf ihr Mikroorganismen, die einen Wirkstoff gegen Brust- und Eierstockkrebs produzieren.

Wirkstoff in der Wurzel

Hochgiftig ist auch die Tollkirsche, Belladonna (schöne Frau) genannt. „Fünf Beeren sind tödlich für ein Kind“, warnt Harald Werner. Umso fataler: „Sie schmecken eigentlich ganz gut.“ Doch auch in dieser Pflanze schlummern „segensreiche“ Kräfte: In der Medizin wird ein Bestandteil der Tollkirsche zur Prämedikation vor der Narkose eingesetzt. Außerdem ist ein Wirkstoff in ABC-Pflastern enthalten. Die Bezeichnung Belladonna stammt vermutlich von der sehr bedenklichen „kosmetischen“ Anwendung, sich den Saft zur Pupillenerweiterung in die Augen zu träufeln, was schon im alten Ägypten praktiziert worden sei.

Manche Pflanzen im Apothekergarten entfalten ihre Kraft im Verborgenen – so wirkt die Brennnesselwurzel gegen Rheuma, Baldrianwurzel beruhigt die Nerven.

Der Huflattich hat sogar noch mehr zu bieten als seine Wirkung gegen Husten: Er werde, so Harald Werner, als „Klopapier des Waldes“ bezeichnet. Nach kurzer Tastprobe geht ein anerkennendes Raunen durch die Besuchergruppe. Die samtig weichen Blätter scheinen mit dem Papier zu Hause offenbar bestens mithalten zu können.

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