Dr. Matthias Thöns mit Situation in Witten zufrieden

Stellte sich im Interview unseren Fragen:
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Foto: WAZ FotoPool
Witten ist laut Dr. Matthias Thöns in der Palliativ-Medizin „ganz weit vorn“. Das Netzwerk arbeitet gut zusammen. Eine Notfall-Box vermeidet Klinik-Aufenthalte. Im Interview spricht er außerdem über eigene Erfahrungen und Hoffnungen.

Witten..  Im Bundestag wurde gestern in einer teils sehr emotionalen Debatte über eine Neuregelung der Sterbehilfe diskutiert. Im Fokus stand dabei die assistierte Selbsttötung: Dabei leistet eine Person Hilfe zum Suizid, etwa durch die Beschaffung eines tödlichen Medikaments, das der Patient dann selbstständig einnehmen muss. Dabei wurden auch die unzureichend ausgeschöpften Möglichkeiten der Medizin am Lebensende kritisiert. Aber wie ist die Situation vor Ort? Wir sprachen darüber mit dem Wittener Palliativ-Arzt Dr. Matthias Thöns.

Aus ihrer Erfahrung: Wie sieht die Palliativ-Versorgung in Witten aus?

Dr. Matthias Thöns: Ich kann ganz klar sagen: Wir sind hier in der Stadt ganz weit vorn und müssen uns hinter großen Städten wie Dortmund wirklich nicht verstecken.

Woran liegt das?

Dr. Matthias Thöns: Meine Kollegen Dr. Jaqueline Rauh, Dr. Frank Koch, Dr. Kurt Schmelzer und ich sind mit dem Palliativnetz als Team seit Jahren sehr aktiv. Nicht nur in der Praxis, auch in der Wissenschaft: Aus Witten stammt etwa die erste Studie, die belegte, dass eine palliative Sedierung auch daheim möglich ist – und nicht nur im Krankenhaus, wie es bis dahin hieß. Die haben wir auf einem Krebskongress vorgestellt. Zu Hause gut versorgt, das ist das Ziel. Und ich kann für Witten sagen: Wir lassen hier keinen Patienten im Stich.

Das klingt nach eitel Sonnenschein ... heißt das: Alles ist bestens?

Dr. Matthias Thöns: Nein, das natürlich nicht. Das Problem ist, dass in der Praxis häufig viel zu spät an die Palliativ-Versorgung gedacht wird. Junge Frauen mit Brustkrebs haben oft schon fünf, sechs Chemotherapien hinter sich und in diesem Stadium immer noch kein Morphium gesehen. Dabei lebt es sich ohne Schmerzen nicht nur besser, sondern auch länger. Und man kann doch beides machen . . . Da würden wir uns wünschen, dass eher an uns gedacht wird.

Wie schnell können sie denn helfen?

Dr. Matthias Thöns: In der Regel innerhalb von zwei Tagen bei einem Patienten – egal ob er zehn oder 100 Jahre alt ist. Aber das gilt natürlich nur für die, die eine lebensbegrenzende Erkrankung haben – nicht bei Rückenschmerzen.

Was können Sie ganz konkret tun?

Dr. Matthias Thöns: Zusätzlich zur ärztlichen Versorgung und der Betreuung durch den ambulanten Hospizdienst, der übrigens großartige Arbeit leistet, haben wir eine Notfallmedikamenten-Box zusammengestellt. Da sind wir in Witten tatsächlich besonders stolz drauf. Diese kleine kindersichere Kiste mit den sieben Arzneien ermöglicht es Patienten in vielen Fällen, sich im Notfall selbst zu versorgen.

Dr. Matthias Thöns über die Notfall-Box

Was steckt denn in der Box?

Dr. Matthias Thöns: Ein Morphiumspray gegen Luftnot, etwas gegen Angst, gegen Übelkeit und Erbrechen, gegen Verstopfung, gegen Schmerzen – damit kann der Patient sich im Notfall selber helfen und mancher Aufenthalt in der Klinik vermieden werden. Die Reaktionen der Patienten sind durchweg positiv.

Wer bekommt die Box und wer zahlt das?

Dr. Matthias Thöns: Jeder Palliativ-Patient bekommt sie. Die Box kostet 30 Euro Zuzahlung, es zahlt, wer das Geld berappen kann. Bei denen, die nicht zahlen können, kommt der Verein für die Kosten auf.

Der Verein – welche Rolle spielt er in der Versorgung der Patienten in Witten?

Dr. Matthias Thöns: Eine große. Wir haben über 70 Ehrenamtliche im ambulanten Hospizdienst Witten-Hattingen. Das sind positiv Bekloppte, wenn ich das mal so salopp sagen darf. Sie investieren zig Stunden. Palliativ-Versorgung ist schließlich mehr als Spritzen und Medikamente, es ist vor allem: Zuhören.

Sie loben die Palliativmedizin, dennoch befürworten sie den Vorschlag von Bundestagsvizepräsident Hintze, den assistierten Suizid nach klaren Kriterien zu erlauben. Wieso?

Dr. Matthias Thöns: Weil es ganz wenige Fälle – Einzelfälle, um es ganz klar zu sagen – in denen wir anders nicht helfen können. Da finde ich es nicht verwerflich, auf diese Weise zu helfen – weder als Christ noch als Arzt.

Darf ich fragen: Haben Sie es schon mal getan?

Dr. Matthias Thöns: Ja, es gab ein paar Fälle, etwa eine Handvoll. An jeden einzelnen denke ich voll Traurigkeit: Denn ich empfinde sie als Versagen meiner Therapie. Andererseits: Noch viel häufiger war dieser letzte Schritt gar nicht nötig. Ich habe den Patienten versprochen: Ich nehme dir die Schmerzen, ich lasse dich zur Not bis zum Ende schlafen. Und selbst wenn das nicht hilft: Du musst nicht in die Schweiz fahren. Dieses Versprechen reicht vielen aus – und in 99,5 Prozent aller Fälle muss ich den Schritt nicht gehen.

Welche Entscheidung erhoffen sie sich?

Dr. Matthias Thöns: Ich wünsche und hoffe von Herzen, dass die Hausärzte selbst sagen, dass man ihnen dieses letzte Türchen nicht verschließen sollte. Und ich bin zuversichtlich, dass es so kommt.

 

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