Die Kraft des sanften Klangs

Witten.. Die Bühne ist proppenvoll mit Musikern. Die Prager sind mit allem angerückt, was ein Orchester aufbringen kann. Und alles kommt in Dvoráks „Karneval“-Ouvertüre opulent zur Geltung: Wie ein großes „Hallo – hier sind wir“.

Bei diesem feurig-vieltönigen Start vibriert der Raum, bis sich der Klang zu einem breiten Strom entwickelt, unter dem die Celli das Tempo hochhalten. Von Piccolo bis Tuba hat jedes Instrument sein Solo, was sich rasendschnell in den Gesamtklang einfindet. Die Tschechen beherrschen die aberwitzigen Tempi und jagen gekonnt durch diese vielschichtige Eröffnung. Anschließend wird das Orchester für das folgende Klavierkonzert dezimiert, der Flügel prominent nach vorne gerückt und ein junger, feingliedriger Pianist betritt die Bühne.

Severin von Eckardstein geht vorsichtig auf sein Instrument zu; sorgfältig stellt er sich die Bank zurecht und wartet auf den Orchestereinsatz. Passend zum 200. Geburtsjahr von Frédéric Chopin erklingt dessen 2. Klavierkonzert. Der sanfte Rhythmus des Orchesters lässt ahnen, dass da noch viel Virtuosität folgen wird. Mitten in einen Streicherakkord findet Eckardsteins singender Klavierton einen bestechenden Eingang. Erhaben, fast schwebend tänzeln die Triolen. In schwarzem Hemd sitzt der Düsseldorfer Ausnahmepianist leicht gebeugt über den Tasten.

Die etwas wilden Haare schwingen um seinen Kopf. Sein Ton aber ist seidig wie sein Hemd; jeder Auftakt ist betont und hebt sich doch nicht unnötig in den Vordergrund. Eckardsteins Finger rasen über die Tasten und scheinen keine gesondert anzuschlagen, so sehr ist die Melodie im Fluss. Das Orchester, engagiert dirigiert von Daniel Raiskin, gerät zur Begleiterscheinung neben diesem Pianisten. Der Pianist reiht perlende Tonketten aneinander – ein wogendes Meer aufgereihter Juwelen, strahlend schön.

Die gelungene Freiheit der Interpretation zeigt sich besonders im dritten Satz, dem Allegro Vivace. Eckardstein unterstreicht seine innige Spielfreude, guckt seinen geschmeidig-quirligen Händen zu, die immer genau das machen, was Chopin wollte. Wenn sich ein Motiv wiederholt, wird die große Differenziertheit jedes einzelnen Tones bewusst. Da ist nichts Zufall – das ist die Zukunft des Klavierspiels.

Nach der Pause macht sich das Prager Orchester an Igor Strawinsky. Seine „Feuervogel“ Suite ist eine Ballettsuite und malt mit großem Gestus ein russisches Volksmärchen nach.

 

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