Auf Suche nach dem „echten“ Leben

Hütchenspieler und kein Kostverächter: der böse Wolf in den Händen von Sabine Jäkel.
Hütchenspieler und kein Kostverächter: der böse Wolf in den Händen von Sabine Jäkel.
Foto: A. Junge
Reihe Zeitraum startete im Werkstadt-Treff mit nachdenklichen Tönen. Kreative Köpfe geben Impulse.

Jan Primke (30) sieht aus wie Schwiegermutters Liebling. Und er hat eine warme Mikrofonstimme, die die Herzen der Damen höher schlagen lässt. Der junge Dortmunder (sorry: schon vergeben und bald Vater) hat schon als Sprecher für Funk und Fernsehen, aber auch als Musiker und Sänger einen Namen.

Um Karriere und Erfolg ging es aber nicht bei der Premiere der Reihe Zeitraum am Dienstagabend im Werkstadt-Treff. Die nachdenklichen Töne beherrschten die Collage kreativer Beiträge, die – so die Zeitraum-Idee – als Appetitmacher fürs Gespräch danach dient. Rund 50 Besucher nutzten dieses Angebot zum Austausch in Bistro-Atmosphäre bis in den späten Abend.

„Habt ihr ein wildes Herz?“, heißt es in dem auf einem Rilke-Gedicht basierenden professionellen Zeitraum-Video, das die Gäste von nun an jeden letzten Dienstag im Monat einstimmen wird. „Sei weich und stark“, appelliert Peter Handke im Gedicht „Über die Dörfer“, das das Fotomodell Kristina Kartaschev rezitierte. Einen weiteren Denkanstoß gab die Bochumer Figurenspielerin Sabine Jäkel. Ihr zotteliger böser Wolf schmierte den (mutmaßlichen) sieben Geißlein, die sich in einer Kiste versteckt hielten, Honig um dem Mund. Das Ende blieb offen, der Wolf prophezeite aber düster: „Ich gewinne immer.“

Das Januar-Thema von Zeitraum“ heißt „echt“. Von Interview-Gast Jan Primke wollte Moderatorin Tanja Gottmann wissen, wie stark er sich mit den Rollen identifiziere, in die er als Sprecher schlüpft. Er fühle sich dabei in der Tat „sehr echt“, so Primke. Das falle leicht bei „schönen Sachen“ wie beim Bungee-Spot für einen Freund oder als „Erzähl-Bär“ für ein Kinderhörbuch. Volle Identifikation gelte aber auch beim Einsprechen einer Banken-Werbung (einen Anzug zieht er dafür aber nicht an) oder beim Trailer fürs Wacken-Musikgroßevent – „da gucke ich schon aggressiver.“

Seit einiger Zeit textet Primke auch die Kurzbeiträge für „Kirche auf 1Live“. Im Werkstadt-Treff griff er auch zweimal zur Akustik-Gitarre, sang vom Staunen, Vergeben und Vertrauen – fragte nach dem, was im Leben zählt: „Was macht den Unterschied?“. Er wolle „Spuren hinterlassen“, so Primke – zum Beispiel die, der verbreiteten Miesmacherei mit einer gesunden Portion Lebensbejahung zu begegnen.

Mit-Gastgeberin Britta Lennardt steuert zum Thema „echt“ noch die Erkenntnis bei: „Was du tust, tu es tatsächlich!“ Klingt zunächst banal. Der Unterschied zwischen voller Hingabe und „nur so tun als ob“ markiert für die erfahrene Wittener Schauspielerin und Theatermacherin aber genau die Grenze zwischen gutem und schlechtem Theater.

Der gelungene Auftakt einer vielversprechenden Reihe.

 
 

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