Auf den Spuren der Familie Rosenthal

Am Grab ihrer Vorfahren auf dem jüdischen Friedhof in Annen: Jacqueline Shelton-Miller und ihre Söhne Aaron (li.) und Joshua.Foto:Jörg Fruck
Am Grab ihrer Vorfahren auf dem jüdischen Friedhof in Annen: Jacqueline Shelton-Miller und ihre Söhne Aaron (li.) und Joshua.Foto:Jörg Fruck

Witten..  Jacqueline Shelton-Miller steigen Tränen in die Augen, als sie die Bilder ihrer Vorfahren in der Rosenthal-Residenz sieht.

Das frisch sanierte Gebäude an der Ecke von Bebel- und Friedrich-Ebert-Straße gehörte einst der Familie ihrer Großeltern. Die Rosenthals waren eine jüdische Kaufmannsfamilie aus Annen, nur wenige von ihnen überlebten die Tyrannei der Nazis.

Heute ist das Haus ein Seniorenheim, eine ältere Dame zeigt sich ein wenig verwundert über den Besuch von Mrs. Shelton aus San Francisco. Mit ihr betreten auch zwei ihrer Kinder, ein paar Freunde und einige andere Interessierte das Gebäude. Die Familie knipst zahlreiche Fotos, vor allem von der Wand, an denen Bilder ihrer Vorfahren hängen. „Ich kannte die Motive an sich zwar schon, aber sie hier zu sehen, das war einfach noch mal etwas anderes“, sagt die dreifache Mutter nach dem Besuch.

Neben dem alten Familienhaus besucht die Familie auch den jüdischen Friedhof in Annen, auf dem Jakob und Sarah Rosenthal begraben sind. Aaron (10) und Joshua (7) legen kleine Steine auf die Ruhestätten der Ururgroßeltern, die sie vom Grab des Großvaters aus San Fransisco mitgebracht haben. Das ist jüdische Tradition. „Und ihre Art, eine Verbindung zu ihren Angehörigen zu knüpfen“, erklärt Jacqueline Shelton-Miller in fließendem Deutsch.

Ein Jahr hat sie in Göttingen studiert, Germanistik und Politik. Sie muss hier vor allem an den Vater denken, Günter Schönenberg, der als einzig Überlebender 1947 in die USA emigrierte. „Ich weiß, er fände es bedeutsam, dass wir hier sind. Er hat sich immer so sehr für die Geschichte seiner Familie interessiert.“ Der zehnjährige Aaron fügt auf Englisch hinzu: „Sie haben Steine an das Haus unser Großeltern geworfen, wir wollten selber einmal sehen, wo dieser Ort ist.“

Trotz der Zerstörung des Kaufhauses in der Reichspogromnacht und den im KZ ermordeten Verwandten, von denen die Jungen noch nichts wissen: Die Familie sieht sich nicht als Opfer. Sie seien stolz auf ihr jüdisches Leben und auf ihre Vorfahren. „Sie waren so wichtige Leute in Witten“, sagt die Amerikanerin bewundernd.

Über das Interesse der Wittener an ihr und ihren Vorfahren ist sie erfreut, aber doch auch ein bisschen verwundert. Martina Kliner-Fruck vom Stadtarchiv, die die Führung durch die Stadt organisiert hat, erklärt: „Geschichte ist nicht nur eine Sache der Vergangenheit, sie ist auch für uns heute bedeutsam.“

In Deutschland ist die Familie, weil sie von einer Gedenkfeier für den in Gelsenkirchen aufgewachsenen Vater erfuhr. Dort werden am Montag „Stolpersteine“ für Opfer des Rassenwahns gelegt. Anschließend reist die Gruppe auf den Spuren ihrer Familie nach Amsterdam.

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