Als Witten 2:7 verlor und trotzdem gewann

Franz-Josef Müer (78) aus Witten hat eine noch ein Programmheft, das zugleich als Eintrittskarte galt, vom Benefizsspiel am 21.5.1949 zwischen der Stadt Witten und dem NWDR. Der Gesamterlöst war für den Wiederaufbau bestimmt.
Franz-Josef Müer (78) aus Witten hat eine noch ein Programmheft, das zugleich als Eintrittskarte galt, vom Benefizsspiel am 21.5.1949 zwischen der Stadt Witten und dem NWDR. Der Gesamterlöst war für den Wiederaufbau bestimmt.
Foto: FUNKE Foto Service
Beim Benefizspiel zwischen prominenten Wittenern und dem NWDR Köln 1949 kamen mehr als30 000 Mark für den Wiederaufbau zusammen.

Witten..  Rückblende ins Jahr 1949: Am 21. Mai dieses Nachkriegsjahres lieferten sich bekannte Bürger der Stadt Witten und ein Prominenten-Team, das der NWDR Köln (der spätere WDR) auf die Beine stellte, einen launigen Benefiz-Kick im Wullenstadion, das mit 20 000 Zuschauern hoffnungslos überfüllt war. Fußballerisch ging Witten mit fliegenden Fahnen unter: 2:7 hieß es am Ende. Doch die WAZ titelte damals: „Witten verlor – guter Zweck gewann“. Der Erlös war für den Wiederaufbau der Stadt bestimmt.

An dieses Benefizspiel musste Leser Franz-Josef Müer (78) vom Sonnenschein jetzt denken, als er in der Geschichtsserie von Prof. Schoppmeyer im Lokalteil von den Nöten der Wittener („Viele hausen in Kellern und Baracken“) nach dem Krieg las. Ins Begleitheft zum Spiel schrieb Oberbürgermeister Martmöller damals: „4559 Menschen vegetieren in Lägern und menschenunwürdigen Unterkünften.“

Reporter Kurt Brumme war Torhüter

Franz-Josef Müer war damals nicht im Wullenstadion. Der Maurer- und Fliesenlegermeister wuchs in Menden auf, kam erst 1962 nach Witten. Trotzdem hat er eine besondere Verbindung zu diesem Spiel. Nicht nur sind ihm die Radio-Größen von damals ein Begriff: Wenn Kurt Brumme, in Witten als Torhüter eingesetzt, Boxkämpfe aus der Westfalenhalle übertrug, klebten Jung und Alt damals mit dem Ohr am Radiogerät. Vor allem aber ist Franz-Josef Müer Besitzer der Original-Eintrittskarte Nr. 8319 zu der historischen Partie. Sein Schwiegervater, der Wittener Sonderschulrektor Josef Heikamp, hat sie ihm vermacht.

Es handelt sich dabei aber nicht um eine einfache Karte zum Abknipsen, sondern zugleich um ein 16-seitiges Programmheft wie auch um ein Los für die Halbzeittombola, für die namhafte Wittener Firmen gespendet hatten.

Das Heft ist ein wertvolles Dokument der Lokalgeschichte. Im Anzeigenteil inserierten die Deutsche Tafelglas A.-G., die Imhausen & Co. und das „führende Kaufhaus“ Neumann & Cropp. Zum Fußballspiel fuhr der NWDR große Prominenz auf: Mittelstürmer René Deltgen war Filmschauspieler und Hörspielsprecher und, glaubt man alten Zeitungen, Schwarm aller Backfische. Um Schauspielerin Charlott Daudert, die beim Anstoß viel Bein zeigte, scharten sich die Fotografen.

Von der Seitenlinie aus kommentierte Hans Müller-Westernhagen das Geschehen, ebenfalls Schauspieler und Vater des Barden Marius. Sie alle waren so prominent, dass in vier vorliegenden Spielberichten der Name des Schiedsrichters völlig unerwähnt blieb: laut Programmheft ein gewisser „Reichstrainer Sepp Herberger“ – der spätere Macher des „Wunders von Bern“.

Im Wittener Team waren sogar 23 Mann aufgeboten, zur Halbzeit wurde gewechselt. Neben Bürgermeister Schleicher spielten u.a. Stadträte aller Parteien, die Direktoren des Gußstahlwerkes, der Volksbank, von Bredt & Co und der Arzt Kurt Schmelzer mit. Das Tor hütete Stadtinspektor Franz Josef Niclas, ein späterer Jagdfreund von Franz-Josef Müer. Die Wittener Ehrentore waren Polizeiwachtmeister Heinrich Langhoff zu verdanken.

Neues Zuhause für fünf Familien

Der Eintritt kostete eine Mark. Durch Sachspenden, die Tombola und den abendlichen Festball im Haus Hohenstein kam ein Reinerlös von 30 365 Mark zusammen. Mit diesem Geld wurde das Haus Rüdinghauser Straße Nr. 9 wieder aufgebaut, in dem fünf Familien mit insgesamt 17 Köpfen ein neues Heim fanden.

Für Franz-Josef Müer war das eine beispielhafte Gemeinschaftsaktion in Notzeiten. Vielleicht, so regt er vorsichtig an, ließe sich heute ja etwas Ähnliches auf die Beine stellen, um den Flüchtlingen in Witten zu helfen.

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