Ärzte nehmen Kritiker Thöns in die Mangel

Suchten das Gespräch in der Redaktion:  Dr. Arne Meinshausen, Dr. Frank Koch, Dr. Jacqueline Rauh, Dr. Markus Knittel, Dr. Martin Bergbauer und Dr. Stephan Schulz (v.li).
Suchten das Gespräch in der Redaktion: Dr. Arne Meinshausen, Dr. Frank Koch, Dr. Jacqueline Rauh, Dr. Markus Knittel, Dr. Martin Bergbauer und Dr. Stephan Schulz (v.li).
Foto: Funke Foto Services
  • Ärzte fühlen sich durch das Buch von Matthias Thöns über Geschäftsmacherei am Lebensende diffamiert
  • Die Kritik sei zu pauschal, polemisch und populistisch, werfen sie ihm vor, die Zusammenarbeit gestört
  • Das Buch entwickelt sich dennoch zum Bestseller. Es steht bereits auf der Spiegel-Liste

Witten..  Seit zwei Wochen ist das Buch des Wittener Palliativmediziners Dr. Matthias Thöns auf dem Markt, in dem er Ärzten Geschäftemacherei mit Patienten am Lebensende vorwirft. Es hat bundesweit für Aufsehen gesorgt, steht inzwischen auf der Spiegel-Bestsellerliste, Thöns war in mehreren TV-Sendungen und Talkshows zu Gast. Der Wittener Ärzteschaft aber ist das Aufreger-Werk sauer aufgestoßen.

Die Wittener Mediziner, sowohl niedergelassene als auch Klinikärzte, fühlen sich von Thöns unter Generalverdacht gestellt und übel diffamiert. Bei einer sehr emotional geführten Diskussionsrunde am Donnerstag in der Redaktion stellten alle Beteiligten ihre Positionen noch einmal klar.

Übertrieben und polemisch

„Demagogie und Populismus“ warf Prof. Dr. Martin Bergbauer (64), Ärztlicher Direktor des Marien-Hospitals, dem 49-Jährigen vor. Thöns übertreibe, polemisiere, stelle Fälle falsch dar. „Starken Tobak“ nannte der Chefarzt für Onkologie im Evangelischen Krankenhaus, Dr. Christoph Hackmann (41), die aktuellen Veröffentlichungen.

„Was Sie schreiben, entspricht nicht den Tatsachen“, behauptet Bergbauer. Auch die Zahlen über die Behandlungskosten und die Gewinne der Kliniken stimmten in keiner Weise und seien nicht nachvollziehbar: „Tatsächlich ist die stationäre Onkologie defizitär, bei vielen Chemotherapien zahle ich drauf“, sagte Dr. Hackmann. Etwas anderes zu behaupten, sei infam.

Thöns wehrt sich gegen die Vorwürfe

Thöns wehrte sich gegen die Vorwürfe. Er betonte, dass sich sein Buch ganz ausdrücklich nicht auf Wittener Missstände beziehe. Die Gespräche, in denen Ärzte Patienten mit angeblich nötigen Behandlungen unter Druck gesetzt hätten – was Dr. Bergbauer als „bloße Unterstellung“ geißelte –, hätten allesamt so stattgefunden. Thöns: „Ich unterstelle nicht, ich zitiere.“

Bei den Angaben zu den Abrechnungen gab er zu, die Zahlen der Krankenkasse übernommen zu haben. Da sei er kein Experte. „Falls etwas falsch sein sollte, werde ich mich entschuldigen.“ In der Kritik stand die Zahl von 1600 Euro für Beatmungen und 1075 Euro für Bestrahlungen.

Buch sei das falsche Mittel

Auf eine Entschuldigung warten nicht nur die Klinik-Ärzte, auch Thöns’ Kollegen vom Wittener Palliativnetz hat die Veröffentlichung „unvorbereitet getroffen“: „Wir werden allesamt abgestraft“, sagt Ärzte-Sprecher Dr. Frank Koch. Die Onkologin und Palliativmedizinerin Dr. Jacqueline Rauh (50) meint: „Das Buch ist das falsche Mittel.“

Was die Kollegen von Matthias Thöns im Wittener Palliativnetz so ärgert: Die jahrelange Zusammenarbeit zwischen Netzwerk, Kliniken und Hausärzten sei durch das Buch massiv gestört. „Die Kollegialität ist geschädigt“, so Dr. Frank Koch. Mit gravierenden Folgen, wie die Sätze von Chefarzt Dr. Stephan Schulz vom Marien-Hospital deutlich machten: „Ich habe ein Problem damit, Patienten an ein Netzwerk zu überweisen, das auf seiner Homepage mit diesem Buch wirbt und unsere Arbeit so ins Abseits stellt.“ Schulz, selbst Anästhesist und Palliativarzt, betonte, auch die Deutsche Gesellschaft Palliativmedizin sei verwundert über das Buch und unterstütze „diese Art Schwarz-Weiß-Malerei“ nicht.

Wittener Kollegen nicht eingebunden

Entsprechend empört ist Dr. Jacqueline Rauh: „Warum hast du uns Wittener Kollegen nicht eingebunden, nicht vorher informiert?“, will sie vom Autor wissen. Auf keinen Fall könne Thöns sich weiterhin im Namen des Netzwerkes äußern – der betont allerdings, dass sei mit dem Vorstand abgesprochen gewesen.

Den Weg der Kommunikation sei er mehrfach gegangen – aber vergeblich. „Ich habe meine Kritik an der Übertherapie geäußert – mit null Erfolg.“ Das habe er mit dem Buch endlich ändern wollen – und dafür aus der Bevölkerung sehr viel positive Resonanz erfahren. „Das Problem ist doch: Sterbende haben in Deutschland keine Stimme.“

Buch sei ein Affront

Doch die Kollegen traf sein Buch offenbar wie ein Schlag mit der Keule: „Die Kommunikation war einfach schlecht“, beklagt Dr. Arne Meinshausen. Die Wittener Ärzte hätten das Buch als Affront empfunden, seien erbost und fühlten sich übergangen. Ihm selbst gehe es dabei um die Art und Weise, wie Thöns das Buch präsentiert habe. Inhaltlich sei nicht alles schlecht. Meinshausen: „Da stehen schon einige wahre Sachen drin.“

Dass es Fälle geben kann, in denen noch kurz vor dem Tod größere Eingriffe gemacht werden, gab auch Dr. Martin Bergbauer zu. „Und dann fragt man sich hinterher, ob das wirklich nötig war.“ Aber im Nachhinein sei man nun einmal immer schlauer. „Wann die letzten Lebensmonate beginnen, weiß man ja leider erst im Rückblick.“ Vieles sei daher Abwägungssache: „Der Chirurg ist wirklich nicht zu beneiden, der entscheiden muss, ob und was noch operiert wird.“

Patienten seien verunsichert

Bergbauer betont, das Arzt-Patienten-Verhältnis habe durch das Buch sehr gelitten, viele Patienten seien verunsichert „Das ist deswegen so besonders ärgerlich, weil wir mit ehrlichem Herzen große Bemühungen für das Wohl der Patienten unternehmen.“ Eine Ethikkommission sei gegründet worden, zählt er auf, Palliativschwestern seien ausgebildet worden, die Angehörigen würden in das Behandlungskonzept eingebunden, Patientenverfügungen selbstverständlich befolgt. „Nein, es ist nicht so, dass da ein Chefarzt kommt und sagt: ,Den operiere ich jetzt’ und sich dann die Taschen voll macht“, schimpft der Chefarzt. Und Witten sei beleibe kein „gallisches Dorf“: „So wie hier läuft es woanders in der Republik auch.“

Vorsichtige Einigkeit herrschte in der Runde einzig in einem Punkt: Es muss wieder zu einer funktionierenden Kooperation zwischen den Kliniken, den Ärzten und dem Palliativnetzwerk kommen: „Ich hoffe, dass wir wieder zueinander finden“, so Dr. Matthias Thöns. Gesprächsbedarf gibt es bis dahin noch eine Menge. Auch im Palliativnetzwerk selbst.

 
 

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