Zwei Wattenscheider erinnern sich an ihre Einwanderung aus der Türkei

Vor 39 Jahren sind die Wattenscheider Meryem (li) und Kamil Bulut im Rahmen des Anwerbeabkommens mit der Türkei nach Deutschland gekommen. Foto: Monika Kirsch
Vor 39 Jahren sind die Wattenscheider Meryem (li) und Kamil Bulut im Rahmen des Anwerbeabkommens mit der Türkei nach Deutschland gekommen. Foto: Monika Kirsch
Foto: WAZ FotoPool
Vor 39 Jahren sind Meryem (65) und Kamil (68) Bulut im Rahmen des Anwerbeabkommens mit der Türkei nach Deutschland gekommen. Wenn sie heute aus dem Urlaub in der Türkei zurück kommen, sagen sie: "Wir sind wieder zu Hause."

Wattenscheid.. Sie gehören zu den türkischen Einwanderern, die mit der „70er Welle“ nach Deutschland kamen: Meryem (65) und Kalim (68) Bulut. Von Integration war damals noch keine Rede – das Ehepaar hat sie einfach gelebt. „Wenn die Kollegen etwas gemacht haben, war ich immer dabei“, sagt Kalim, der sich in Deutschland stets gewerkschaftlich engagiert hat, und seine Frau ergänzt: „Wenn ich mich entscheide, hier zu leben, muss ich mich auch hier orientieren.“

Als „Anlernkraft für feinmechanische Arbeiten in der Elektroindustrie“ ist die studierte Lehrerin 1972 nach Regensburg gekommen. „Für studierte Menschen gab es ansonsten wenig Möglichkeiten, im Ausland zu arbeiten“, sagt Meryem Bulut. Ihr Mann Kamil, in der Türkei Postbeamter, kam mit den beiden Kindern ein Jahr später nach.

"Meine Generation war freier"

„Frauen hatten in den Siebzigern in Deutschland einfach bessere Chancen“, sagt Meryem Bulut. Dass sie als türkische, verheiratete Mutter allein nach Deutschland reisen durfte, tut sie mit einer Handbewegung ab: „Meine Generation war freier als die jetzige.“ Keine Frage, dass sie auch nie ein Kopftuch getragen hat. „Das war in den Siebzigern auch bei türkischen Frauen eher selten, das kam erst Mitte der Achtziger.“

In Wattenscheid, wohin die Buluts 1975 zogen, konnte sich Meryem Bulut anders als in Bayern, wieder als Lehrerin bewerben. „Ich habe dann in einer Vorbereitungsklasse für türkische Kinder unterrichtet“, erzählt die energische Seniorin. „Ich durfte alles unterrichten außer Deutsch.“ Die fremde Sprache, gibt sie zu, hat sie nie von der Pike auf gelernt – und bedauert das heute. „Aber nach acht Stunden Fließbandarbeit hat man andere Bedürfnisse, als einen Sprachkurs zu machen.“ Doch wenn man in einem fremden Land lebe, lerne man auch die Sprache, „so oder so“.

Ablehnende Menschen habe sie selten erlebt, erzählt Meryem Bulut. Doch kulturelle Unterschiede haben ihr das Leben mitunter schwer gemacht. „Wir hatten immer deutsche Freunde“, erzählt sie, „aber nie richtige Nachbarn.“ Dachte sie damals zumindest – weil niemand zu den neuen Mietern kam, um sie willkommen zu heißen, wie es in der Türkei Sitte ist. „Als mir ein deutscher Freunde sagte: Bei uns ist das anders, hier musst du dich vorstellen und die Leute dann zum Kaffee einladen, da waren wir schon dreimal umgezogen“, erzählt sie und lacht. „Jetzt habe ich sehr guten Kontakt.“

Doppelte Staatsbürgerschaft

An ihrer alten Tradition hält Meryem Bulut immer noch fest: „Wenn hier jemand neu einzieht, gehe ich immer noch zu ihm und sage ,Herzlich willkommen’ – nach meiner Art.“ Denn jede Tradition habe ihre guten Seiten: „Ich habe viele Dinge von den Deutschen gelernt und vieles aus meiner Tradition mitgebracht.“

Bereut hat die 65-Jährige es nie, nach Deutschland gekommen zu sein. „Sicher: ich habe Sehnsucht gehabt nach der Familie, der Heimat, dem Wetter, dem Meer, Freundschaften und nach Büchern. Aber ich fühle mich wohl hier – und 39 Jahre sind ja ein halbes Leben.“ Wenn sie und ihr Mann heute vom Besuch in der Türkei nach Deutschland zurück kämen, würden sie immer sagen: „Wir sind wieder zu Hause.“

Was Meryem Bulut sehr am Herzen liegt, ist die doppelte Staatsbürgerschaft – und sie erklärt auch sofort warum: „Ich bin wie ein Baum – mit Wurzeln in der Türkei und Früchten in Deutschland. Meine Wurzeln sind meine Familie und meine Früchte sind meine Kinder und Enkelkinder. Und ich kann weder ohne meine Wurzeln noch ohne meine Früchte leben.“

 
 

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