Vom Märkischen in den Hörsaal

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Wattenscheid..  Menschenleere Strände, Waldgebiete, malerische Altstädte: Ein Urlaubsziel, das jedem Geschmack etwas bietet. Estland als „Touristenhochburg“ zu bezeichnen, wäre trotzdem weit gefehlt. So ist Dennis Edler (27) dankbar, dass er dennoch früh die Möglichkeit hatte, Land und Leute kennen und schätzen zu lernen. „Mein erster Besuch kam durch einen Schüleraustausch zwischen der Märkischen Schule und dem estnischen Sütevaka Humanitaargümnaasium in Pärnu zustande.“ Das nördlichste Land des Baltikums sei eben „kein klassisches Urlaubsziel. Genau deshalb reizte es mich“.

Private Freundschaften

Initiiert wurde der Austausch 1991 durch die Lehrer Rudolph Enkhaus und Ulrich Zurwehn. „Wir hatten Kontakt zur Universität in Tartu und einer dortigen Kirchengemeinde“, berichtet Zurwehn, der noch immer alle zwei Jahre die Fahrten nach Estland organisiert: „Mittlerweile war ich bereits 16 mal in Estland, auch privat.“ Sowohl der 60-Jährige Mathe- und Erdkundelehrer als auch sein ehemaliger Schüler Edler haben dort Freundschaften geschlossen und stehen in ständigem Kontakt: „Die Esten sind einfach extrem freundliche Menschen“, sind sie sich einig.

Die Hoffnung, bei Schülern des Wattenscheider Gymnasiums Interesse für die ehemalige Sowjetrepublik zu wecken, trägt zwölf Jahre später reife Früchte. Edler, heute wissenschaftlicher Mitarbeiter am Geografischen Institut der Ruhruniversität Bochum (RUB), lernte den Sozialwissenschaftler Dr. Yves Partschefeld kennen. Schnell wurde klar, dass beide nicht nur ihr Abitur am „Märkischen“ gemacht, sondern auch an dem Austauschprogramm teilgenommen haben und die Estland-Faszination teilen: „Daraus entstand die Idee, ein Modul im Optionalbereich für alle Studenten der RUB anzubieten, da Estnisch als Sprache bislang noch fehlte.“ Ein fünftägiges Blockseminar zum Ende des kommenden Wintersemesters 2013/14 zur Geschichte, Kultur und Geografie des Landes komplettiert den wöchentlichen Sprachgrundkurs.

Dieser wird von Sirle Kruse geleitet: „2004 bin ich als 13-Jährige mit meiner Mutter und Schwester zu meinem Stiefvater ins Sauerland gezogen.“ Die heute 22-Jährige ist gebürtige Estin, wohnte in der Hauptstadt Tallinn: „Anfangs habe ich vor allem das Meer und meine Freunde vermisst. Aber die Eingewöhnung verlief relativ schnell. Kulturell ähneln sich die Länder“, erzählt sie. 2010 besuchte Kruse eine Vorlesung in der Edler als Dozent eine Karte ihrer Heimat zeigte. „Er fragte eher rhetorisch, ob denn jemand Estnisch könne“, erinnert sie sich lachend. Simpel sei ihre Muttersprache mit 14 verschiedenen Fällen nämlich nicht.

Zurwehn und die Märkische Schule können stolz sein. Ihre Idee findet nicht nur den Weg in die Hörsäle. Das Modul „Estland: Sprache und Kultur“ intensiviert außerdem die ersten Erfahrungen aus der Schulzeit.

 
 

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