Kunstrepublik stellt Kopfwaschanlage an A 40 in Wattenscheid auf

Nein, das ist kein Moscheebauvorhaben. Aber es steht auch dafür, dass es in Deutschland mehr Angst vor Überfremdung als Willkommenskultur gibt, sagen die Künstler. Das befahrbare Kunstwerk „Tor des Westens“
Nein, das ist kein Moscheebauvorhaben. Aber es steht auch dafür, dass es in Deutschland mehr Angst vor Überfremdung als Willkommenskultur gibt, sagen die Künstler. Das befahrbare Kunstwerk „Tor des Westens“
Foto: Gero Helm / WAZ FotoPool
Kunstfremde Orte entlang der A40 werden zum Ausstellungsraum erklärt. Zum Beispiel eine Waschanlage aus Wattenscheid. Dort steht das „Tor des Westens“, eigentlich ein Begrüßungssymbol. Doch bei näherem Hinsehen erwartet den Besucher eine Klatsche.

Wattenscheid.. Am Dückerweg in Wattenscheid steht eine Waschanlage. Aber was für eine: In Grenzschranken-Rotweiß türmen sich asiatische, orientalische und auch sehr bürokratisch-deutsch wirkende Holzkulissen zu einem Portal übereinander.

Das sogenannte „Tor des Westens“, so beschreiben es die verantwortlichen Berliner Künstler von KUNSTrePUBLIK, ist ähnlich zu verstehen wie die Anlagen, die z.B. in Hamburg einlaufende Schiffe begrüßen: „In allen Kulturen gibt es Portale als repräsentative Eingänge“, wie etwa in New York die China Gates, die sofort klarmachen, dass man Chinatown betritt. „Die Tore sind skulpturale Stellvertreter der jeweiligen Kultur und kennzeichnen meistens den Übergang zwischen ,draußen’ und ,drinnen’.“ Ein Begrüßungssymbol. Wenn man sich das Monstrum am Dückerweg anschaut, erwartet den WM-stolzen und multikultigläubigen Deutschen allerdings eine handfeste Klatsche. Ein kleiner Radiosender spielt in die zu waschenden Autos politisierende Chorgesänge wie „Mir bräucht es keine Liebe, denn mir reicht die Akzeptanz“.

Handfeste Klatsche für Kulturoptimisten

KUNSTrePUBLIK sagt, der Ausgangspunkt sei die seit 2014 gültige allgemeine Arbeitserlaubnis in jedem Land für jeden EU-Bürger. Und die damit verbundene Angst der Deutschen: „Deutschland und im Speziellen auch das Ruhrgebiet mit seinen schrumpfenden Einwohnerzahlen ist auf die Zuwanderung von Menschen für den Erhalt des Wohlstands angewiesen“, heißt es manifestartig auf der Webseite des Künstlerkollektivs. „Das Bewusstsein hierfür existiert, eine entsprechende Willkommenskultur nicht.“

Politischer Tobak also, der nicht leicht konsumierbar sein will. Was er sein will, ist: Anlass zur Diskussion.

Zeigen, was da wirklich drinsteckt

So wie das ganze Projekt, in das dieses Tor eingebettet ist: Die Ausstellung „B1/A40 – die Schönheit der großen Straße“ gab es schon im Kulturhauptstadtjahr 2010 an verschiedenen eher kunstfernen Orten entlang der A40. Und auch 2010, als sie von der Internationalen Vereinigung der Kunstkritiker als „Besondere Ausstellung des Jahres“ gekürt wurde, wollte die Schau Anlässe schaffen.

Und zwar Anlässe, sich zu beschäftigen mit diesen oft nicht gesehenen Orten entlang der identitätsstiftenden Verkehrsader: etwa dem verschlungenen Grüngrau am Duisburger Kreuz Kaiserberg, wo Menschen in Hochbunkern musizieren und andere Menschen Forellen züchten. Der Frillendorfer Häuserreihe direkt am Essener Autobahnabschnitt.

Oder mit dem Dückerweg, dieser Gewerbeansiedlung fürs fahrende Volk, die laut Veranstalter seit dem Bau der Lärmschutzwand um Sichtbarkeit kämpft. Die Schau soll u.a. zeigen, was da sozial und künstlerisch wirklich drinsteckt: im freitäglichen Tunertreff oder in diesem riesigen Unterwasserpanorama in Seats&Sofas.

Man solle sich „mehrere Orte anschauen“

Über den Kurator Markus Ambach, der gestern leider nicht erreichbar war, heißt es, er gehe auf Künstler und Anwohner gleichermaßen zu und schaue mit ihnen gemeinsam, was es am entsprechenden Ort sichtbar zu machen gibt. Die Aufforderung, wie sie Hendrik von Boxberg von den Urbanen Künsten Ruhr formuliert, lautet: „Sich mehrere Orte anzuschauen – und dass man die Augen offenhält.“

Wer der Aufforderung folgen will, kann sich bis zum 7. September zu dieser Kunst im öffentlichen Raum hinbegeben. Am besten mit dem Auto. Wer hingegen nur sein Auto waschen will, wird im „Tor des Westens“ enttäuscht. Die einzige handfeste Wäsche, die es da gibt, ist eine Kopfwäsche.

„Tor des Westens“: geöffnet von freitags bis sonntags

Das „Tor des Westens“ ist freitags (16 bis 22 Uhr) und am Wochenende (12 bis 18 Uhr) für Publikums-Verkehr geöffnet.


„Die Schönheit der großen Straße“ bespielt außerdem A40-nahe Orte in Duisburg, Mülheim, Essen und Dortmund.

Am 9. August (ab 15 Uhr) gibt es von der Mülheimer Eichbaumoper aus eine Bustour mit dem Kurator. Anmeldung: info@urbanekuensteruhr.de


Mehr Infos gibt es im Internet unter www.b1a40.de.

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