Im Geschäft beraten lassen, im Netz kaufen - Händler sind verärgert

Genau erklärt wird hier, wie das Spiel funktioniert: Gerlinde Lehrian und Michael Pira vom Spielwarengeschäft „Kleine Raupe“ in Bochum-Wattenscheid ärgern sich über "Beratungsklau".
Genau erklärt wird hier, wie das Spiel funktioniert: Gerlinde Lehrian und Michael Pira vom Spielwarengeschäft „Kleine Raupe“ in Bochum-Wattenscheid ärgern sich über "Beratungsklau".
Foto: Gero Helm / WAZ FotoPool
Gerlinde Lehrian und Michael Pira vom Spielwarengeschäft „Kleine Raupe“ in Bochum-Wattenscheid sind nicht amüsiert: Einige Kunden kämen ins Geschäft, ließen sich aufwändig ein Spiel erklären, nur um es dann, wenn möglich günstiger, im Internet zu bestellen. Gerlinde Lehrian nennt das "Beratungsklau".

Bochum. „Beratungsdiebstahl“: Mit diesem Begriff beschreiben Gerlinde Lehrian und Michael Pira vom Spielwarengeschäft „Kleine Raupe“ das Verhalten einiger Kunden, die sich aufwendig ein Spiel erklären lassen, um es dann doch, wenn möglich etwas preisgünstiger, im Internet zu kaufen. Wie berichtet, werden zwei namhafte und alteingesessene Spielzeuggeschäfte, eines in Duisburg, eines in Dortmund, schließen müssen, halten den Internet-Preisen nicht mehr stand. Nun, die „Kleine Raupe“ wird natürlich nicht schließen, doch ist Inhaberin Lehrian nicht begeistert vom „Beratungsklau“.

Jeder zehnte Kunde nutzt das Netz

Es sei immer das gleiche Muster, sagt sie. „Ein Kunde möchte das Gesellschaftsspiel erklärt bekommen, was wir ja gern tun und als Service bieten, den nur der Einzelhandel vor Ort leisten kann“, so die Geschäftsfrau. „Die Verpackung wird aufgerissen, die Spieleteile herausgenommen und die Strategie erläutert.“ Soweit, so gut. „Und dann kommt es vor, dass der Kunde sagt, er überlege es sich noch mal“, so Gerlinde Lehrian. „Ich weiß genau, er kommt nicht wieder, sondern bestellt, vielleicht für drei bis fünf Euro billiger, im Netz.“

Die „Kleine Raupe“ halte sich an die unverbindliche Preisempfehlung des Herstellers oder Verlages, schlage nicht auf. „Doch bieten Internet und auch manche Billig-Warenhäuser das Spiel zum Einkaufspreis und manchmal sogar darunter an.“ Da werde auch vom Gesetzgeber kein Riegel vorgeschoben. Der Einzelhändler fahre auf Messen, besuche Schulungen, um sich zu informieren. „Das bedeutet Aufwand, auch personellen“, so Lehrian. Sie habe Kunden, die öfter das Beratungsangebot nutzen, doch dann nicht kaufen, auch schon zu verstehen gegeben, dass „wir gerade kein entsprechendes Spiel offen haben“.

So extrem sei es in der Textilbranche nicht

Auch in der Textilbranche lässt sich der „Beratungsdiebstahl“ vermuten. Elke Sellenmerten, Inhaberin der CBR Companies Boutique an der Oststraße: „So extrem ist das bei uns nicht. Zum Teil sogar eher umgekehrt.“ Sie stelle fest, dass Hosen, Röcke und Oberteile – die Boutique führt Cecil, s.Oliver und Street One – zunächst im Internet gesichtet und dann vor Ort anprobiert und gekauft würden. Wie Gerlinde Lehrian steht sie auf dem Standpunkt, „dass die gute, ehrliche Beratung des Kunden ganz wichtig ist.“

Marion Runge, Geschäftsführerin des Einzelhandelsverbandes Bochum, hat festgestellt: „Kunden mit etwas höheren Einkommen lassen sich im Fachgeschäft beraten und kaufen dann auch dort.“ Laut Statistik nutze „nur knapp“ jeder zehnte Kunde die Beratung im Geschäft, um dann im Internet zu kaufen.

Nach einer Studie des E-Commerce-Center (ECC) Köln bleibt der „stationäre Handel trotz der Zuwächse im Online-Handel für die Kunden weiterhin der wichtigste Einkaufsort.“

Der Handelsverband Deutschland (HDE) geht davon aus, dass jeder fünfte Händler vor Ort auch online vertreten ist. Die Zukunft liege nicht im Gegeneinander von stationären und Online-Händlern, sondern in der Verzahnung, so der HDE.

 
 

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