Hannes Bienert ist tot

Hannes Bienert (2.v.l.), mit Frank Barth, Felix Lipski und Heinz-Werner Kessler (re.) an den Stelen, nur wenige Meter vom Standort der alten Wattenscheider Synagoge entfernt.
Hannes Bienert (2.v.l.), mit Frank Barth, Felix Lipski und Heinz-Werner Kessler (re.) an den Stelen, nur wenige Meter vom Standort der alten Wattenscheider Synagoge entfernt.
Foto: Gero Helm / WAZ FotoPool

Wattenscheid..  Ein altes Kämpferherz hat aufgehört zu schlagen: In der Nacht von Dienstag auf Mittwoch verstarb Hannes Bienert im Alter von 87 Jahren.

„Obschon er körperlich schwer angeschlagen schien, war Hannes Bienert noch voller Tatendrang. Ganz so, wie man ihn kannte, plante er bis zuletzt die Gedenkveranstaltung am 9. November“, schildert der Landtagsabgeordnete Serdar Yüksel (SPD) betroffen. Er begleitete Bienert in der antifaschistischen Bewegung über viele Jahre, gründete mit Bienert und anderen die Antifa in der Alten Freiheit.

Kampf wider das Vergessen

Für Hannes Bienert war das Gedenken an die Reichspogromnacht, der Kampf wider das Vergessen Lebensaufgabe. Aufgrund seiner Erlebnisse im Zweiten Weltkrieg wurde er Pazifist. Als 15-Jähriger eingezogen, schmiss er in Berlin die Panzerfaust beiseite und desertierte. Über Umwege kam er 1947 in der Hellwegstadt an.

Er arbeitete unter Tage, bildete sich weiter, war aber zwischendurch auch arbeitslos, weil er sich weigerte, in Unternehmen ohne Betriebsrat zu arbeiten; ein Mensch voller Überzeugungen durch und durch. Standhaft in seiner Haltung, wusste Bienert nicht selten anzuecken.

Sein politischer Kampf war mit Höhen und Tiefen verbunden: 2005 wurde er zu einer Geldstrafe von zehn Tagessätzen zu je 15 Euro verurteilt, weil er die Gedenkfeier 2004 zur Erinnerung an die jüdischen Opfer der Reichspogromnacht 1938 nicht angemeldet hatte. Von einem „Skandalurteil“, von einem „Tiefpunkt in der Rechtskultur“ ist bis heute die Rede.

Doch weder davon, noch durch die massiven Bedrohungen der rechten Szene Anfang der 90er Jahre ließ sich der Wattenscheider Antifa-Sprecher beeindrucken. Es hatte eher den Anschein, als sei seine Motivation, die Erinnerungskultur aufrecht zu halten, zu leben, mit jedem Jahr gewachsen.

Bienert setzte Zeichen, und zwar öffentlich, sichtbar: Seiner Initiative ist es zu verdanken, dass drei gläserne Stelen am Nivellesplatz errichtet werden konnten, die namentlich an 87 Wattenscheider Männer, Frauen und Kinder jüdischen Glaubens erinnern, die ihr Leben während der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft verloren haben oder nach wie vor verschollen sind. Bienert sorgte und sammelte persönlich für die Finanzierung, aus dem klammen Stadtsäckel gab es keinen Cent.

Dem jüngsten Wattenscheider Opfer der Shoa, Betti Hartmann, ist der Rathausvorplatz gewidmet. Bienert brachte per Einwohneranregung die Umbenennung in Gang. 2013 bekam er für all sein Engagement die Dr. Ruer-Medaille der Jüdischen Gemeinde Bochum-Herne-Hattingen verliehen.

Empfang des Ostermarsches

Mit seinem Freund Jupp Knop organisierte Hannes Bienert Jahr für Jahr den Empfang des Ostermarsches in Wattenscheid. Als „Väterchen Frost“ übergab er Geschenke an Kinder in den Wattenscheider Flüchtlingseinrichtungen, die von der Antifa vorab gesammelt wurden. Schließlich wusste Bienert, was es bedeutet, als Kind im Krieg und auf der Flucht zu sein.

1948 besuchte Bienert erstmals das Konzentrationslager Buchenwald. Da hatte er sich geschworen, sein Leben der Maxime zu widmen: „Nie wieder Faschismus, nie wieder Krieg!“

 
 

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