Eingemeindung drohte schon 1912

Foto: WAZ

Wenn man den Heimatforscher Rudolf Wantoch fragt, wie denn der Wattenscheider so tickt, kennt er eine klare Antwort: „Das Wichtigste ist uns unsere Identität“, meint der Museumswart vom Helfs Hof und kommt schnell auf die aktuelle Diskussion zu sprechen. „Wir wollen zeigen, wer wir sind. Deswegen brauchen wir auch das WAT-Kennzeichen zurück.“

Als Urgestein der Hellwegstadt ist er unter anderem seit 1975 im Heimat- und Bürgerverein aktiv und seit 2002 Betreuer am Hof Helf. Wantoch weiß, wovon er spricht. Er kennt die Seele der Alten Freiheit, ist schon im Herzen Wattenscheids groß geworden und dringt mit seinen Forschungen zur Lokal-Geschichte immer weiter ins Mark der hiesigen, kulturellen Identität ein.

Jedoch entdeckt selbst er bei seinen wissenschaftlichen Erkundungen zur Historie der Hellwegstadt noch heute manch einen Schatz, der ihn überrascht. „Zurzeit versuche ich, alle Schriften des Heimatforschers Eduard Schulte zu finden und zu archivieren. Nun habe ich in diesem Zusammenhang bei meinen Recherchen im Stadtarchiv eine Denkschrift von 1912 gefunden, die mich wirklich erstaunt hat“, schildert der pensionierte Elektromechaniker.

Wenn selbst Wantoch sich noch verwundert die Augen reibt, muss es sich schon um ein „heißes Eisen“ handeln. Und das ist diese Denkschrift durchaus. Vor allem für diejenigen, die sich immer noch nicht mit der „nordrhein-westfälischen Gebietsreform“ anfreunden können: „Vor 100 Jahren gab es bereits erste Überlegungen zur Eingemeindung. Da hat das Bochumer Streben angefangen, uns mit Spitzfindigkeiten zu erwerben. Und in dieser Schrift steht alles drin, was schon zu jener Zeit dagegen gesprochen hat.“

Damit meint der Lokalhistoriker vornehmlich Kartenmaterial, geschichtliche Abrisse sowie Gutachten renommierter, unabhängiger Stadtentwicklungsforscher und -planer, die sich gegen die Eingemeindung nach Bochum und für die Eigenständigkeit Wattenscheids aussprachen. Es rumorte.

Zu den frühen Feinden der Gebietsreform zu Anfang des 20. Jahrhunderts zählten der „Verein selbstständiger Gewerbetreibender zu Wattenscheid“ (eine Ur-Form der heutigen Werbegemeinschaft), der die Schrift initiierte, sowie der Gründer der „Wattenscheider Zeitung“, Carl Busch, der die redaktionelle Arbeit zu der aufgefundenen Materialsammlung leistete. „Daran sieht man, wie sehr die Menschen in dieser Frage zusammenstanden“, sagt Wantoch. Das Erwähnenswerte aus seiner Sicht sind dabei die inhaltlichen Parallelen zu den Diskussionen in den 1970er-Jahren. „Es ging immer nur um Kohle, daran hat sich nie etwas geändert.“

Die geschilderte, ab 1912 erste Welle der Bochumer Eingemeindungspläne hatte keinen Erfolg – genauso wenig wie die in den 1930er-Jahren; „der Krieg kam jeweils dazwischen“. Tatsächlich wurden die Pläne dann bekanntlich erst 1975 in die Tat umgesetzt. Für Rudolf Wantoch noch heute unfassbar: „Diese Schrift dokumentiert, dass der Kampf vor 100 Jahren begonnen hat. Und er ist noch nicht zu Ende.“

 
 

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