Die Folgen des Bergarbeiterstreiks für Wattenscheid

„Holland“ gehörte zu den sechs Wattenscheider Zechen, auf denen die Arbeit niedergelegt wurde. Foto: Alfred Winter
„Holland“ gehörte zu den sechs Wattenscheider Zechen, auf denen die Arbeit niedergelegt wurde. Foto: Alfred Winter
Foto: Gero Helm / WAZ FotoPool
6390 Wattenscheider „Kumpel“ legen 1889 auf insgesamt sechs Zechen die Arbeit nieder. Eine nie erlebte Streikwelle schwappt durch das komplette Ruhrgebiet. Bessere Arbeitsbedingungen und steigende Löhne waren das überregionale Ergebnis der Arbeitskämpfe.

Wattenscheid..  Heinz-Werner Kessler, Vorsitzender des Heimat- und Bürgervereins (HBV), hat sich intensiv mit dem großen Ruhrbergarbeiterstreik vor 125 Jahren und dessen Auswirkungen auf Wattenscheid befasst.

„Am 25. April 1889 brach im Ruhrgebiet der größte Streikstrom aus, den die Welt bis dahin kannte. Jugendliche Schlepper und Pferdejungen legten auf der Bochumer Zeche Präsident die Arbeit nieder, bis der Zechendirektor versprach, den Schichtlohn von 2,40 auf 2,60 Mark zu erhöhen. Das Aufbegehren weitete sich in den folgenden Tagen auf die Bergarbeiter anderer Zechen aus. In Wattenscheid gehörten Centrum, Engelsburg, Fröhliche Morgensonne, Hannover, Holland und Marianne dazu.

Auseinandersetzungen zwischen Streikenden und Arbeitswilligen veranlassten den Oberpräsidenten der Provinz Westfalen (Münster), acht Gendarmen zur Unterstützung der hiesigen Polizei abzustellen. Auch das Militär war ab dem 8. Mai im gesamten Streikgebiet präsent. Auf der Zeche Maria Anna und Steinbank in Höntrop wurden ein Offizier mit 30 Infanteristen einquartiert, als sich der Arbeitskampf zuspitzte.

Geschlossene Wirtschaften und verriegelte Fensterläden

Als weitere Sicherheitsmaßnahmen wurden Wirtschaften geschlossen, Fensterläden verriegelt und der Verkauf alkoholischer Getränke außer Haus verboten. Trotzdem eskalierte die Lage weiter: Zwei Menschen fanden im Gewehrfeuer des Militärs den Tod, als sie nichtsahnend aus einem Passagierzug am Bochumer Bahnhof stiegen. Auf den sechs Wattenscheider Zechen streikten nach einem Bericht des Oberbergamtes Dortmund 6390 Arbeiter.

Zum Ende des Streiks gewannen die Wattenscheider auf der überlokalen Organisationsebene zunehmend an Einfluss, namentlich Bergmann Bringewald, der auf einer Delegiertenversammlung zur Fortsetzung des Kampfes aufrief. Sein Kollege Grüne verwies derweil auf humane Zechenverwaltungen (z.B. Fröhliche Morgensonne), was mit großem Applaus von den Delegierten quittiert wurde. Trotzdem einigte man sich auf die Fortsetzung des Streiks bis zur Erfüllung aller Forderungen.

Wattenscheider distanzieren sich

Hiervon distanzierten sich Arbeitervertreter von vier Wattenscheider Zechen am 25. Mai und rieten von einer erneuten Arbeitseinstellung ab. Dies führte überregional zum Einbruch der Streikfront. Die Streikführer hatten in den folgenden Monaten unter Repressalien der Unternehmer und staatlichen Behörden zu leiden. Auch Bingewald wurde inhaftiert, Häuser wurden durchsucht und missliebige Bergleute entlassen.

Langfristig hatte der Streik positive und progressive Folgen: Der durchschnittliche Jahreslohn der Bergleute stieg langsam an, die Arbeitszeit wurde auf acht Stunden festgesetzt, Ein- und Ausfahrt durften nicht länger als 30 Minuten dauern, Überschichten nur gefahren werden, wenn es die wirtschaftliche Lage der Zeche erforderte. Zudem wurden sanitäre Verbesserungen eingeführt.“

Wattenscheid wird königliches Bergrevier

Kessler weiter: „1892 erfolgte die Novellierung des ‚Allgemeinen Berggesetztes’, nach welchem Unternehmer verpflichtet wurden, ausführliche Arbeitsordnungen zu erlassen. Den ‚Kumpeln’ wurden bei der Erstellung Mitspracherechte zugestanden. Zudem sollten Arbeiterausschüsse gebildet werden, die die Interessen von Belegschaft und Verwaltung gleichermaßen zu vertreten hatten.

1893 erhielt Wattenscheid ein Bergamt, gelegen in der heutigen Steinstraße, und wurde damit Sitz eines eigenen königlichen Bergreviers, dem die Zechen Engelsburg, Maria Anna und Steinbank, Centrum, Fröhliche Morgensonne, Rheinelbe/Alma sowie Holland angehörten. Die Beamten mussten darauf achten, dass die Sicherheitsvorschriften eingehalten wurden. Der große Bergarbeiterstreik von 1889 führte also zu einer Reihe von sozialen Innovationen, die zur Ausprägung einer modernen Industriegesellschaft beitrugen.“

 
 

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