Ästhetik auf zwei Rädern

Vogelgesang, idyllische Waldlandschaft. Grüner Farn und lila Sommerflieder im Sonnenlicht. Nur einmal zu lang geblinzelt und man wundert sich über den plötzlichen Staub in der Luft. Schon die erste Szene aus „Loose again“ verdeutlicht die enorme Dynamik, die den Reiz der Radsportart „Downhill“ ausmacht.

Kurvige und abschüssige Strecken in kürzester Zeit zu bewältigen, ist das Ziel dieser besonderen Art des „Mountain biking“ (MTB). Schotter, Steine und Wurzeln stellen natürliche Hindernisse dar, die es bei Geschwindigkeiten von bis zu 50 km/h zu meistern gilt. „Am besten kann man Downhill (DH) mit der Abfahrt beim Ski vergleichen“, erläutert Sebastian Heyna den technisch anspruchsvollen Radsport. Und der 24-jährige Wattenscheider weiß, wovon er spricht. 2011 veröffentlicht er in der letzten Dezember Woche seinen zweiten Film „Loose again“ auf Deutschlands größtem Internetportal für Mountainbikes. Nur einen Tag später hat das Video bereits 50 000 Aufrufe, wird zum Video der Woche gewählt und holt schließlich den Titel „Video des Jahres 2011“. Gedreht wurde fast ausschließlich im Ruhrgebiet.

Angefangen hat alles in Wattenscheid, auf dem Gelände rund um die Steinhalde, die Himmelstreppe, in Leithe. 2003 fährt Heyna hier erstmals mit Freunden, zwei Jahre später beginnen sie mit Downhill. Dass bei jeder Abfahrt körperliche und geistige Höchstleistungen gefordert sind, erfährt er 2008 durch einen schmerzlichen Sturz selbst. Eine leichte Unkonzentriertheit schickt ihn über den Lenker. Die bittere Diagnose: Bänderriss in der Schulter und acht Monate Fahrpause. Doch diese umkurvt er perfekt. Und sagt heute: „Mountain biken ist auch nicht gefährlicher als Fußball spielen.“

Statt selbst Dreck aufzuwirbeln und über zehn Meter weite Sprünge zu stehen, wird der verhinderte Fahrer zu Regisseur und Kameramann. Mit Camcorder und selbst gebasteltem Equipment schneidet er immer mehr lose Szenen seiner fliegenden, rutschenden und manchmal fallenden Freunde mit, bis plötzlich „Material auf der Schwelle zum Film“ vorhanden ist.

Sein erstes Werk „Loose“ erscheint im Jahr 2010. Kamera, Ton und Schnitt bewältigt er in Eigenregie: „Manche Szenen haben wir zu zweit gedreht, um verschiedene Perspektiven einzufangen. Den anschließenden Feinschliff erledige ich allein“. Und das kostet Zeit: Durchschnittlich 25 Stunden Arbeitsaufwand für eine drei-minütige Sequenz. Der Erfolg spricht aber für sich.

Denn Heyna ist in der MTB-Szene angekommen. In seinem preisgekrönten zweiten Film „Loose again“ sind neben ihm und seinen Freunden, auch der 14-fache deutsche Meister im „DH“ Marcus Klausmann und der amtierende Weltmeister Danny Hart (England) zu sehen. Einige Szenen wurden beim „Dirtmasters“ Festival in Winterberg gedreht, welches mit ca. 40 000 Zuschauern das größte MTB-Event Europas ist und das wachsende Interesse an der Radsportart unterstreicht.

Trotz über 300 000 Aufrufen seines Films im Internet und ersten Musikvideos für befreundete Bands, plant der Maschinenbaustudent nicht sein Hobby zum Beruf zu machen: „Ich möchte vor allem meine Freiheit wahren, nicht durch Vorgaben von Geldgebern eingeschränkt sein“. Mittlerweile setzt er auch verstärkt auf ästhetische Aspekte: „Natur und Umgebung sind genauso wichtig wie spektakuläre Stunts und Kurven.“ Farbenpracht durch idyllischen Lichteinfall und eine vielfältige Pflanzenwelt rücken mehr in seinen Fokus. Hier liegt auch der größte Sprung zwischen seinen beiden Filmen.

Einen dritten plant er deshalb zurzeit nicht: „Kürzere, aber dafür qualitativ bessere Videosegmente sind momentan mein Ziel“, sagt er – und lacht: „Die ersten beiden Filme waren auch nicht geplant.“

 
 

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