Zeit für die Familienchronik

Gertrud Ritter, eine Dattelner Institution in Sachen Heimatgeschichte.  Foto: Frank Wenner
Gertrud Ritter, eine Dattelner Institution in Sachen Heimatgeschichte. Foto: Frank Wenner
Foto: WAZ

Datteln.. Nach 30 Jahren will sich die Vorsitzende des Plattdeutschen Sprach- und Heimatvereins, Gertrud Ritter, aus der aktiven Arbeit zurückziehen und bei der Jahreshauptversammlung im April nicht mehr kandidieren. WAZ-Redakteurin Inge Ansahl sprach mit der 83-Jährigen über Geschichtsbewusstsein, die plattdeutsche Sprache und Traditionspflege.


Frau Ritter, interessieren sich junge Menschen für Heimatgeschichte?

Gertrud Ritter: Meine eigenen Enkelkinder hören mir gerne zu, wenn ich von früher erzähle. Aber Heimat- beziehungsweise Geschichtsbewusstsein kommt erst mit dem Älterwerden. Ich habe das bei meiner Mutter erlebt. Sie stand früher oft am Fenster unserer Dattelner Wohnung und schaute in Richtung Dortmund. Ich habe gespürt, sie hatte Heimweh.


Früher bekamen Schüler Heimatkundeunterricht. Ein Dattelner Standardwerk war das Buch „Kirchspiel“. Wie sieht das heute aus?

Wir haben da einiges getan. Zum Beispiel hat die Böckenheckschule einen Klassensatz der Dattelner Hefte, in denen auch die Geschichte der Schule steht. Die katholische Grundschule in Meckinghoven hat die Hefte mit der Geschichte des Klosters und der Pfarrkirche St. Dominikus. Heimatgeschichte weiter zu geben, hängt aber immer auch von den Menschen ab und welche Bedeutung sie selbst der Geschichte ihrer Stadt beimessen. Wichtig ist in diesem Zusammenhang: Schulen sollen Geschichte vermitteln. Aber das Erinnern, das kommt später.


Verstehen beziehungsweise sprechen junge Leute heute noch plattdeutsch?

Wir haben viele Jahre den plattdeutschen Lesewettbewerb des ehemaligen Rektors Heinz Möllers in Horneburg unterstützt. Und die Lohschule hat einen Satz Hefte, in denen Geschichte in plattdeutschen Versen geschrieben ist, von uns bekommen. Schade, dass Kinder, die sich mit Plattdeutsch beschäftigt haben, irgendwann weg waren. So kann man über die Nachhaltigkeit nicht viel sagen.


Ist Traditionspflege heute antiquiert?

Nein. Es ist wichtig, Tradition aufrecht zu erhalten. Es geht sonst zu viel verloren. Wir brauchen Tradition, damit wir uns zu Hause fühlen können. Unser Erntedank-Gottesdienst in plattdeutscher Sprache ist so eine Tradition. Daran nehmen viele Menschen teil und freuen sich dabei schon auf den nächsten.


Haben Heimatvereine Zukunft?

Auf jeden Fall. Allein dem Westfälischen Heimatbund sind rund 500 Heimatvereine angeschlossen. Wir pflegen einen regen Austausch und haben engen Kontakt zu den Heimatvereinen der Nachbarstädte. Unser Verein hat 140 Mitglieder. Es waren mal mehr, aber es kommen auch immer neue Mitglieder dazu.


Wie ist der Altersdurchschnitt in Ihrem Verein?

Im Schnitt 60 bis 70 Jahre. Ich bin mit 83 nicht die Älteste


Warum hören Sie mit Ihrem großen Wissensschatz als Vorsitzende auf?

Erstens möchte ich, dass mal Jüngere ran kommen. Es muss ja nicht alles genau so weiter laufen. Und zweitens möchte ich eine Familienchronik erstellen und die Geschichte meiner Eltern fest halten. Ich finde es wichtig, die eigene Geschichte aufzuschreiben, damit andere das nutzen können.

 
 

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