Warum Menschen sich Futter fürs Haustier vom Mund absparen

Gleich gibt’s Futter. Die Hunde warten zusammen mit Frauchen und Herrchen auf die wöchentliche Ration in der Tiertafel in Herten.
Gleich gibt’s Futter. Die Hunde warten zusammen mit Frauchen und Herrchen auf die wöchentliche Ration in der Tiertafel in Herten.
Foto: Kai Kitschenberg / WAZ FotoPool
Wenn das Geld knapp wird, leidet darunter die ganze Familie. Und dazu zählen auch die Vierbeiner. Doch Rettung naht: Mit Futterspenden können Frauchen und Herrchen in Not, den Hund oder die Katze ernähren. Ein Besuch bei der Tafel für Vierbeiner in Herten.

Herten.. Hunde bellen, manche von ihnen knurren, dazu mischt sich ein konstantes Stimmengewirr. Die Menschen stehen dicht gedrängt. Vierbeiner wuseln umher, beschnuppern ihre Artgenossen. Der Andrang in dem kleinen Ladenlokal in Herten ist groß. Schon eine Stunde bevor es um 16 Uhr öffnet, warten die Menschen. Es ist kalt, Schnee liegt auf dem Gehweg. Die Menschen kommen zur Ewaldstraße 141, um Konserven und Futterpakete zuholen. Aber nicht für sich selbst, sondern für ihre Tiere. Die Tiertafel hilft Bedürftigen, ihre Lieblinge zu versorgen.

Drinnen packen die Mitarbeiter das Futter ab. Kilo um Kilo wandert in kleine Plastiktüten, dazu ein paar Dosen Nassfutter: Geflügelragout in Soße oder Rind mit Buchweizen. Das hektische Treiben hinter der gläsernen Front des Ladenlokals bildet einen harten Kontrast zur Szenerie vor dem Fenster: Dort harren die Menschen aus. „Wir würden die Leute gerne früher reinlassen“, sagt Nicole Meichle, „aber dann sind sie beim nächsten Mal schon um 14 Uhr da“.

Tierfutter für alle, die es sich nicht mehr leisten können

Die 40-jährige Hertenerin hat die Tiertafel gegründet. Die Friseurmeisterin arbeitet zwei Tage in der Woche. So bleibt Zeit genug für ihren ehrenamtlichen Zweitjob.

Mittlerweile gibt es solche Ausgabestellen wie an der Ewaldstraße in vielen Städten. Alleine der Dachverband „Tiertafel Deutschland“ nennt auf seiner Internetseite in NRW neben Herten noch Brüggen, Bergheim, Siegerland und Düsseldorf. Daneben gibt es private Tiertafeln, unter anderem in Dortmund.

Seit einem halben Jahr verteilt der Hertener Verein jeden Montag Tierfutter an alle, die es sich nicht mehr leisten können. Mit jedem Paket, das über die Ladentheke geht, verbindet sich ein Schicksal. Lauter Geschichten vom Abstieg.

So wie die von Karl (62) und Rosemarie (61)*. Sie arbeitete als ungelernte Altenpflegerin, er als Lagerarbeiter in einem Lebensmittelunternehmen. Keine Jobs, bei denen man reich wird, aber zum Leben reichte es. Seit ein paar Jahren sind die beiden aber Frührentner. Die müden Kochen wollten nicht mehr.

Paulchen und Minka müssen auch futtern

So wie dem Paar geht es vielen Menschen in Deutschland. Fast jeder zweite Beschäftigte geht vorzeitig in den Ruhestand und nimmt eine niedrigere Rente in Kauf. Das belegen Statistiken der Deutschen Rentenversicherung.

Aber wer wie Karl und Rosemarie wenig verdient hat, bei dem sind die Abschläge groß: über tausend Euro weniger. Altersarmut nennt man das.

Wer sich nur selbst versorgen muss, der hat es schon schwer, mit 400 Euro über den Monat zu kommen; aber bei dem Paar sind noch weitere Mäuler zu stopfen.

So sind sie auch an diesem kalten Januartag gekommen, um die wöchentliche Ration abzuholen, für ihren Hund „Paulchen“, den sie an einer Leine mitführen, und die Katze „Minka“ daheim. Ein Segen, findet Karl: „Das Futter reicht zwar nicht für die ganze Woche, aber es ist eine große Hilfe.“ Wie groß die Hilfe wirklich ist, klingt durch, wenn sie von der Zeit erzählen, als es die Tiertafel noch nicht gab. Karl: „Bevor das Tier hungert, esse ich lieber nichts.“

Haustiere geben vielen Menschen in Not Halt

Warum sie die Tiere nicht abgeben, mag für manche Menschen unverständlich bleiben. Aber Rosemarie weiß, dass ihr Hund mehr als nur ein Haustier ist. Die Phrase vom besten Freund des Menschen, hat in ihrem Leben etwas Wahres. „Ohne Paulchen wäre ich schon lange unter der Erde.“ Rosemarie ist weder alt noch ist sie todkrank. Sie spricht von „Depressionen“ und „Suizid“.

Dass sie plötzlich Rentnerin war, keine Arbeit und somit auch keine Aufgabe mehr hatte, verwand sie nur sehr schwer. Der Hund gab ihr Halt, war etwas, das ihrem Leben wieder einen Sinn gab.

Hinten im Lager erzählt Nicole Meichle eine weitere Episode über das Paar, das seine Tiere mehr liebt als sich selbst. Zwischen den vielen Futtersäcken, die sich auf dem Boden stapeln, den Dosen und Kartons in den Regalen, schließt sich der Kreis. Nicole Meichle kennt Karl nämlich schon lange bevor sie die Tiertafel eröffnete. Nicht persönlich, nur vom Sehen.

Sie beobachtete ihn immer in Herten, wie er Flaschen aus Mülleimern zog, um das Pfand im Supermarkt einzulösen. Oft stand er an der Kasse vor ihr in der Schlange. Aber er legte immer nur Tierfutter auf das Laufband. Nie sah sie, dass er etwas für sich kaufte. Sie entschied, dass solchen Menschen jemand helfen musste.

Karls und Rosemaries gibt es viele in der Umgebung von Herten: 139 Tierhalter stehen mittlerweile in der Kartei des Vereins. Auch an diesem Nachmittag melden sich Tierbesitzer an. Sie sitzen Nicole Meichles Mutter Brigitte an einem hölzernen Schreibtisch gegenüber – legen ihren Hartz IV- oder Rentenbescheid vor. Dass sie bedürftig sind, müssen sie belegen.

Sie lässt sich zudem die Impfpässe sowie Kauf- und Übernahmeverträge der Vierbeiner zeigen. Auch fragt die 65-Jährige, wann sie sich das Tier angeschafft haben. Sich ein Tiere zuzulegen, obwohl man weiß, dass dafür das Geld nicht vorhanden ist, will der Verein nicht unterstützen. „Während sie zu uns kommen, dürfen sie auch keine neuen Tiere aufnehmen“, sagt die Vereinsgründerin. Ohne diese Regeln würde die Ausgabestelle „ein Fass ohne Boden“ werden.

Um 18.30 Uhr ist die Verteilaktion vorbei. Das Ladenlokal leert sich. Die Woche hat für Nicole Meichle aber gerade erst begonnen.

Bis zum nächsten Montag müssen die Regale im Ladenlokal wieder gut gefüllt sein. Denn: Dann stehen wieder Karl und Rosemarie vor der Tür – und Paulchen ist ganz sicher auch dabei.

*Namen geändert

Die Tiertafel ist auf Spenden angewiesen:

Das Tierfutter bezieht der Verein hauptsächlich aus Spenden von Privatpersonen. Sie bringen die Dosen und Pakete entweder selber vorbei oder die ehrenamtlichen Mitarbeiter der Tiertafel holen sie ab.

Der Verein gehört zudem zum Dachverband der Tiertafeln. Dieser unterhält noch ein zentrales Lager in Berlin. Wenn das Futter in Herten knapp wird, kann die Tafel dort welches ordern. Aber bislang reichten die Spenden vor Ort vollkommen aus.

Kontakt zur Tiertafel Herten können Spender und Bedürftige aufnehmen unter Tel. 0176 89 66 60 84 oder per E-Mail: herten@tiertafel.de

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