Vollpension für die Palme

Foto: Joachim Kleine-Büning/WAZ FotoPool
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Herten.. „Kennst du das Land wo die Zitronen blühn, im dunklen Laub die Gold-Orangen glühn“, schwärmte einst der große Goethe in „Wilhelm Meisters Lehrjahre“ und so dürfen wir fast sicher sein, dass der Blick des Dichters auch liebevoll auf dem Gewächshaus von Werner Rudel geruht hätte.Denn selbst im tiefsten deutschen Winter sorgen hier Palmen und Oleander, Zitronen und Olivenbäume für ein kleines bisschen süßer Süden mitten in Herten. Ein Arrangement auf Zeit: Rudel betreibt eines der erfolgreichsten Pflanzenhotels im Ruhrgebiet.

Menschen kaufen Palmen und Co., damit auch Bertlich ein bisschen Bella Italia wird.Die mediterrane Wohlfühl-Oase auf heimischer Terrasse gehört seit Jahren zum guten Ton der Mittel- bis Oberschicht. Doch dann kommt der deutsche Winter: „Und dann haben die Leute ein Riesenproblem. Denn wie willst du so eine Monsterbacke hier ins Wohnzimmer kriegen?“ Gärtner Werner Rudel steht am Fuße einer Palme, die höchstens horizontal in einem gewöhnlich hohen Wohnzimmer untergebracht werden könnte, und auch das nur, wenn sich jemand fände, der den mehrere hundert Kilo schweren Topf dort hinein geschleppt bekäme.

Knapp sieben Jahre ist es her, dass Werner Rudel das Problem erkannte und zu einer pfiffigen Idee umsetzte. Mit dem Recklinghäuser Stadthafen fing alles an: Die Betreiber waren es leid, jede Saison neue Palmen anschaffen zu müssen und fragten bei Rudel an, ob er nicht die Möglichkeit habe, die Pflanzenriesen über den Winter in einem seiner Gewächshäuser unterzustellen. „Ich habe die dann abgeholt und wir haben so auf der Terrasse gesessen und Kaffee getrunken, da meinte Wiebke plötzlich, warum wir nicht ein Pflanzenhotel aufmachen?“ Wiebke, das ist Werner Rudels bessere Hälfte und in diesem Fall auch seine Glücksbringerin: „Ich hatte die Idee so einen Winter lang im Kopf, Männer sind ja manchmal ein bisschen schwerfällig, ja, und dann haben wir das einfach gemacht, Handzettel verteilt, Werbung im Internet gemacht, dann kam irgendwann der WDR und hat berichtet und von da an lief der Laden.“

Mittlerweile überwintern bei Rudel etwa 3000 Exoten, die der Chef im Zweifelsfall selber abholt – auch mit Sackkarre oder Ameise wenn’s sein muss – sie von Schädlingen befreit, stutzt und düngt. Der Preis variiert je nach Größe; die Überwinterung eines mittelgroßen Orangenbaums etwa kostet 25 Euro inklusive Pflege. Und wie in jedem guten Hotel logieren auch hier beliebte und weniger beliebte Gäste. „Eukalyptus-Arten zum Beispiel sind super umgänglich, oder so ein Bambus. Olivenbäume sind auch eine sichere Sache. Wenn wir nur solche Kunden hätten . . .“ Doch dann schweifen die Augen gen Boden und der Blick verdunkelt sich: „Agaven, die sind spitz wie Messer. Die bekommst du nicht auf die Stapelkarre, kannst sie aber auch nicht richtig heben, da kriegen mein Geselle Mustafa und ich immer Hassgefühle.“

Fern von den Agaven aber schreitet Werner Rudel höchst zufrieden durch sein kleines Reich: Diesen Winter haben alle seine Pflanzengäste gut überstanden, die jahrelange Erfahrung des Gärtners macht sich bezahlt. Vor vier riesigen Palmen macht er Halt. „Die sind fast dreißig Jahre alt“, erzählt er. „Der Besitzer hat Samen aus dem Urlaub mitgebracht und sie selbst gezogen. Er hing richtig an den Pflanzen. Diesen Winter ist er leider verstorben, aber seine Frau hat schon gesagt, dass sie sich gerne weiter um die Palmen kümmern will.“ Mit Hilfe von Werner Rudel natürlich.

 

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