Versöhnung vor dem Altar

Den von Etienne Bach gestiften Kelch halten Pfarrer Thomas Mämecke und sein französischer Gast Michel Bainier nach dem Gedenkgottesdienst am Karfreitag in ihren Händen.Foto:Oliver Mengedoht
Den von Etienne Bach gestiften Kelch halten Pfarrer Thomas Mämecke und sein französischer Gast Michel Bainier nach dem Gedenkgottesdienst am Karfreitag in ihren Händen.Foto:Oliver Mengedoht
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Datteln..  Es war ein für damalige Verhältnisse fast unvorstellbares Ereignis. Mitten in den Wirren und Anfeindungen während der französischen Besatzung im Ruhrgebiet standen sich am Karfreitag des Jahres 1923 im Lutherhaus an der Brückenstraße zwei „Todfeinde“ am Altar gegenüber: der damalige Dattelner Gemeindedirektor Karl Wille und der französische Verbindungsoffizier Etienne Bach. Dieses „Dattelner Abendmahl“ ging nicht nur in die Geschichte ein, es war auch ein Zeichen dafür, dass der christliche Glaube tiefe Gräben überwinden kann.

In einem Gedenkgottesdienst 90 Jahre später, am Karfreitag des Jahres 2013, erinnerte die evangelische Kirchengemeinde an diesen denkwürdigen Tag. Pfarrer Thomas Mämecke sagte in der Lutherkirche, dass damals den Franzosen Hass entgegengebracht wurde und Gemeindedirektor Wille alle Anordnungen der Besatzer boykottierte – bis es eben zu dieser Begegnung im Lutherhaus kam.

Am liebsten geflohen

„Am liebsten wären beide Kontrahenten aus dem Lutherhaus geflohen, denn keiner konnte sich vorstellen, mit dem Feind vor dem Altar zu stehen“, so Mämecke. Pfarrer Friedrich Wunderlich habe es aber verstanden, den Franzosen und den Deutschen durch eine einladende Geste an den Tisch des Herrn zu bitten. Thomas Mämecke: „Und nun kam es zu der Ungeheuerlichkeit – so müssen es die meisten Menschen wohl damals empfunden haben –, dass sich ein französischer Besatzungsoffizier und ein Vertreter der deutschen Obrigkeit nach dem Empfang von Brot und Kelch vor dem Altar die Hand zu Versöhnung reichten.“

Aus erklärten Feinden wurden Gegner, die zwar weiterhin die Interessen ihres Landes zu vertreten hatten, sich von diesem Moment an aber nicht länger mit Hass, sondern mit Respekt begegneten. Karl Wille und Etienne Bach schlossen vernünftige Kompromisse, die nicht zuletzt auch der Dattelner Bevölkerung von Nutzen waren. Mämecke: „Der Franzose Etienne Bach und der Deutsche Karl Wille hatten erfahren, dass man als Christ zur Versöhnung bereit sein muss, auch wenn die äußeren Umstände dem entgegenstehen.“ Wenig später gründete Bach ein internationales Friedenswerk, dass heute unter dem Namen „Christlicher Friedensdienst“ firmiert.

Als Etienne Bach im Jahres 1963 Datteln noch einmal einen Besuch abstattete, stiftete er zum Gedenken an diese außerordentliche Begegnung 40 Jahre zuvor einen Abendmahlskelch, der den Gläubigen während des Gedenkgottesdienstes an diesem Karfreitag gereicht wurde. Dieser Kelch wurde später zum Siegelmotiv der Evangelischen Kirchengemeinde. Und am Lutherhaus erinnerte eine Gedenktafel an den Karfreitag 1923.

 
 

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