Sterben ist teuer, zu teuer

Längst keine Ausnahme mehr: Gräber werden vernachlässigt, weil die professionelle Pflege vielen entweder zu teuer wird, oder es niemanden mehr gibt, der sich kümmern kann oder will. Auch deshalb wählen mehr und mehr Menschen das pflegeleichtere Urnengrab. Foto: Dirk Bauer
Längst keine Ausnahme mehr: Gräber werden vernachlässigt, weil die professionelle Pflege vielen entweder zu teuer wird, oder es niemanden mehr gibt, der sich kümmern kann oder will. Auch deshalb wählen mehr und mehr Menschen das pflegeleichtere Urnengrab. Foto: Dirk Bauer
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Herten. Umsonst ist nur der Tod. Ein Satz, eine Floskel nur, die jedoch jeder kennt und auch schon x-mal eingestreut hat, um die eigene Hilflosigkeit und Wut zu untermauern. Wenn mal wieder Dinge passieren, die man einfach nicht beeinflussen kann. Die Versicherungsbeiträge, die Benzin- oder Heizölpreise plötzlich erhöht wurden oder das Brötchen heute satte 30 statt 28 Cent kostet wie noch gestern. Viele Menschen, die immer ärmer werden, weil das Leben immer teurer wird. Und das Sterben übrigens auch.

Im Dezember erst erhöhte die Stadt die Friedhofsgebühren im Mittel um 2,55%. Dezent, aber immerhin. Musste sein, wie es hieß. Eine Erdbestattung im Reihengrab, deren Nutzungszeit indes nicht verlängert werden kann, kostet demnach seit Jahresbeginn 1865 Euro. Nutzungsgebühr (30 Jahre/1255 Euro) inklusive Bestattungsgebühr (440 Euro), Aufbahrung, Trauerhalle und Orgelspiel (zusammen 170 Euro). Für ein Erdwahlgrab muss man neuerdings 3305 Euro hinlegen, die Nutzung kann jedoch verlängert werden, zudem können je Grabstelle ein Verstorbener und zusätzlich vier Aschenurnen beigesetzt werden.

Das aber ist letztlich nur die halbe Wahrheit, „zumindest die Kosten für den Sarg und ein wenig Drumherum kommen natürlich noch dazu“, so Bestatter Elmar Strunk aus Westerholt, der folgende Rechnung aufmacht. „Eine durchschnittliche Erdbestattung im Reihengrab kostet etwa 3500 Euro, ein Urnenreihengrab dagegen etwa 2500 Euro.“

1000 Euro Unterschied. Für Strunk wie auch den Westerholter Friedhofsgärtner Johannes Wolter ganz eindeutig der Grund, warum in Herten mittlerweile fast die Hälfte aller Verstorbenen verbrannt wird, was wiederum dafür sorgt, dass man im Bestatter- und Friedhofsgärtnergewerbe hier und da irgendwann um die Existenz bangen muss.

Gleichwohl gegen eine Urnenbestattung natürlich überhaupt nichts einzuwenden ist, soll ein „Arbeitskreis Bestattungskultur“, in dem gestern Vertreter aus Politik, Verwaltung, Kirche und Handwerk erstmals zusammensaßen, nun nach und nach die Probleme sortieren und versuchen, Lösungen zu finden. Ein Ziel: Das finanzielle Ungleichgewicht zwischen den verschiedenen Bestattungsformen müsse schnellstens verschwinden, ein klassisches Reihengrab, wie es sich nach wie vor die meisten Menschen wünschten, einfach wieder preiswerter werden.

„Die Entwicklung der Bestattungskosten kann so nicht weitergehen“, mahnt etwa SPD-Chef Carsten Löcker, und Pfarrer Norbert Ulic hofft, „dass die Menschen irgendwann wieder die freie Wahl haben“ und nicht mehr primär aufs Geld schauen müssten.

Eine Idee, für die Wolter und Strunk streiten: ein dauergepflegtes Gemeinschaftsgräberfeld, eine Art Minifriedhof auf dem Friedhof, im Vorfeld gänzlich erschlossen wie etwa die „Gärten der Erinnerung“ nebenan in Buer. Preiswerter, vor allem aber „weitaus würdiger“, so die Einschätzung von Pfarrer Ulic. „Bei uns in der Gemeinde ein großes Thema. Ich kenne Westerholter, die ihre Toten in Buer bestatten lassen. Warum kommen wir nicht aus den Puschen?“

Der Anfang ist gemacht, das nächste Treffen auch unter Beteiligung der Bevölkerung soll im Sommer steigen. Themen gibt es reichlich. Grabpflege, die Kaninchenplage, der ähnlich große Parkanteil auf Friedhöfen oder die Bestattungen von Muslimen.

Umsonst ist nur der Tod?

 
 

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