Sparbuch

Die Stadtbücherei im Hertener Glashaus. Auf drei Etagen gibt es Bücher in Hülle und Fülle. Foto: Reiner Kruse
Die Stadtbücherei im Hertener Glashaus. Auf drei Etagen gibt es Bücher in Hülle und Fülle. Foto: Reiner Kruse
Foto: WAZ FotoPool

Vest.  Die öffentlichen Büchereien in NRW haben 66 Mio. Nutzer. In der Stadtbibliothek Recklinghausen sind 60 Prozent der Leser unter 21 und 70 Prozent der Ausleiher weiblich. Trotzdem pfeifen die öffentlichen Bibliotheken aus dem letzten Loch.

Oder wie Klaus Philipp, Leiter der städtischen Bücherei Marl, sagt: „Bei aller Sorgfalt, es brennt schon ein bisschen.“

Was ist da los? Ursachensuche betrieben in dieser Woche die Leiter der öffentlichen Bibliotheken im Vest.

Oliver Keymis, MdL Bündnis 90/Grüne und stellvertretender Landtagspräsident von NRW, analysierte auf Einladung des Fördervereins der Stadtbücherei Haltern am See „Die problematische Lage der öffentlichen Bibliotheken in NRW“ – und brach eine Lanze für die Kommunen, die in der Haushaltssicherung stehen. Und das sind im Vest alle.

„Es findet sich kein Bürgermeister und kein Regierungspräsident, der eine öffentliche Bücherei schließt“, ahnt Hans-Joachim Fingerle, Leiter der Bibliothek Recklinghausen. Dennoch: Die öffentlichen Bibliotheken fallen unter die freiwilligen Leistungen jeder Kommune und sind damit hervorragendes Sparpotenzial. Das zeigt Klaus Philipp auf: „In Marl hatte der Sparkommissar die Idee, fünf Mio. Euro einzusparen und die Marler Leser in die Bibliothek nach Herten zu schicken.“ Aber wer zahlt ein Fahrgeld von sechs Euro, um ein Buch in Herten auszuleihen?“

Cornelia Berg, die Hertener Bibliotheksleiterin, freut sich, dass man „von ganz einschneidenden Maßnahmen verschont“ bleibe, weil Politik und Verwaltung die Bibliothek als „wichtige Bildungseinrichtung“ sehen. Und die Wirklichkeit? Ohne ihre Fördervereine und Spenden könnten die öffentlichen Bibliotheken im Vest manche Bildungsveranstaltung gar nicht mehr finanzieren. „Die meisten Bibliotheken im Kreis Recklinghausen sind personell ausgeblutet“, sagen deren Leiter. In Haltern am See wurde vor den Sommerferien die Zweigstelle der Stadtbücherei im Schulzentrum geschlossen. In der Stadtbibliothek Herten steigen die Ausleihzahlen – „auch im Bereich der gedruckten Medien“ –, aber die Zahl der aktiv zahlenden Leser sinkt – obwohl die Benutzergebühren nur gering sind (Kinder/Jugendliche jährlich 2,50 Euro, Erwachsene 10 Euro).

Einen Silberstreif am Horizont verspricht das geplante Bibliotheksgesetz zur Regelung der Aufgaben von Öffentlichen Bibliotheken in NRW. Die Bibliothekare im Vest sehen das pragmatischer. Cornelia Berg favorisiert einen Bibliotheksentwicklungsplan, der den Bibliotheken eine Grundsicherung garantiert und verarmten Kommunen hilft, dringend erforderliche Investitionen einzustielen.

„Mein Traumziel ist nicht unbedingt ein Bibliotheksgesetz. Mir wäre ein Gesetz lieber, dass alle institutionellen Bildungseinrichtungen wie Bibliotheken und Musikschulen gleichermaßen unterstützt“, sagt Bernd E. Köster, Leiter der Stadtbücherei Haltern am See. Hans-Joachim Fingerle plädiert dafür, dass die, die die Musik bestellen, sie auch bezahlten. „Wir brauchen nicht Leuchtturm-Projekte, wir brauchen sinnstiftende Einrichtungen. Kurz: Wir brauchen öffentliche Bibliotheken.“

 
 

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