Rumms und weg - 4000 Zuschauer sehen Sprengung

Andreas Rorowski
Binnen zehn Sekunden fiel der Rest des Löhrhofturms kontrolliert zu Boden.
Binnen zehn Sekunden fiel der Rest des Löhrhofturms kontrolliert zu Boden.

Recklinghausen. Wenn 4000 Menschen auf einem Platz zusammen kommen, ist es zwangsläufig laut. Aber alles Reden, Murmeln und Rufen war jäh zu Ende, als die Stimme des Bürgermeisters via Megafon über den Rathausplatz hallte: „Drei, zwei, eins – Zündung“. Mucksmäuschenstill war es plötzlich. Und mitten in diese Stille hinein kam dieser markerschütternde Knall, der den Fall des 53 Meter hohen Löhrhofturmkerns einleitete. Unten sackte er in sich zusammen und oben fiel er maßgeschneidert in Richtung des Fallbettes nach Westen. „Rumms“.

Der Boden bebte, als die Tausenden Tonnen Beton und Stahl zu Boden gingen – auf dem Löhrhof abgefedert durch zwei meterhohe Erdwälle; ein dritter diente als Schutz für das Barbarossa-Hotel. Zehn Sekunde nach dem großen Knall lag der Koloss am Boden, eingehüllt noch von einer Staubwolke. Es war eine Bilderbuchsprengung, die die Thüringer Sprenggesellschaft da hingelegt hatte. Die Menge quittierte es mit Applaus. Und die Hauptdarsteller waren erleichtert. „Man ist schon angespannt, gerade in der Phase wenn so ein Objekt fällt“, gesteht Sprengmeister Martin Hopfe.

Wegen der schwierigen Lage des Turms mitten in der Stadt gab es besondere Vorsichtsmaßnahmen. Das Fallbett war größer und breiter als nötig, die Abdeckungen dicker als üblich. Dazu kamen besagte Erdwälle. Es sollte nichts schief gehen. Und das tat es dann auch nicht. Nach den ersten Besichtigungen der Baustelle und des Umfelds hieß es: keine besonderen Vorkommnisse. Genaue Daten der Sprengung und der Erschütterungen, die das Fallen des Turms ausgelöst haben, gibt es in den nächsten Tagen. Der Bauherr hat an acht Punkten in der Stadt Messstellen einrichten lassen.

Fotos für die Ewigkeit

Beeindruckt vom reibungslosen Ablauf zeigte sich nicht nur Bürgermeister Wolfgang Pantförder, der auf einer zehn Meter hohen Plattform auf einem Hubsteiger in Höhe des früheren Stadthauses E die Sprengung ausgelöst hatte („Ich hatte die beste Sicht“) und der von einer perfekten Vorbereitung und Ausführung sprach. „Ein bisschen länger hätte es dauern können“, bedauerte Andreas Fahrenberger (43), der wie viele andere Zuschauer mit Fotoapparat und Stativ ausgerüstet auf dem Kaiserwall stand und das Spektakel für die Ewigkeit einfing. „Das sind Profis. Selbstverständlich habe ich erwartet, dass es so reibungslos läuft. Im dritten Jahrtausend sollte das auch möglich sein“, kommentierte Peter Konzet (64).

Zehn Minuten nach dem Fall des widerspenstigen Turms, der mehr Stahl enthielt als erwartet und mfi so zu Änderungen des Abbruchkonzepts zwang, um halbwegs im Zeitplan zu bleiben, kam das Signal zur Entwarnung -- ein dreifaches Hupen, das die Menge erneut mit einem Klatschen zitierte. Noch warten musste die Anwohner und Geschäftsinhaber der umliegenden Häuser. Aber auch sie sind trotz des gestörten Sonntagmorgens zufrieden mit der Lösung des Arcaden-Bauers mfi, die Löhrhofreste kurzerhand zu sprengen.

Mehr Stahl als erwartet

„Gerade für viele ältere Leute war der Abbruchlärm schon eine Belastung, weil es morgens sehr früh los ging“, sagt Anwohner Karl Möller (57). „Wenn ich auf meinem Balkon hätte bleiben dürfe, hätte ich eine tolle Sicht gehabt“, sagt er. Aber da er wie die anderen 137 unmittelbaren Anwohner raus musste, mochte er den Fall des Turms gar nicht sehen. Er saß im Café, trank eine Kaffee und kehrte nach dem lauten, markerschütternden Knall zurück. „Ich bin gespannt auf meine künftig Aussicht. Das Löhrhofcenter wurde ja zuletzt 1990 von außen gestrichen und war zuletzt wirklich kein schöner Anblick mehr.“

Bürgermeister drückte auf den Knopf

Auf die Zukunft setzt Bürgermeister Wolfgang Pantförder. „Jetzt entsteht etwas Neues. Darauf freue ich mich.“ Obwohl er einräumt, dem Löhrhof, der in seiner Zeit Sinn gemacht habe, nicht nachzutrauern, sei der entscheidende Moment, in dem ein Stück Stadtgeschichte verschwinde, ein besonderer gewesen. Einen Helm tragen – so wie gestern – muss der 62-Jährige in seinem Job gewöhnlich zwar nicht. Unbekannt ist ihm dies aber nicht. Beim Spatenstich an beinahe gleicher Stelle vor fast sieben Monaten hat er ihn ebenso getragen wie beim gleichen Anlass am Paulusanger, wo er gar einen Radlader fuhr. Und überhaupt: „Ich bin Oberbrandmeister a.D.“, so Pantförder. Als Mitglied des Löschzugs Ost habe es etliche knifflige Situationen gegeben. „Die schwierigste war der Brand beim Futterhersteller Jochheim an der Blitzkuhlenstraße.“,Damals drohte ein Tanklager zu explodieren.

So gefährlich war es gestern nicht, wenngleich der laute Knall bei der Sprengung und Fall des Turms beklemmende Gefühle bei einigen Zuschauern auslöste; einige Ältere mögen sich an Kriegszeiten erinnert haben. Diesmal ging alles friedlich und offenbar ohne jeden Schaden über die Bühne. Nur eines lief anders als geplant. Per Megafon waren die 4000 Schaulustigen vor der Sprengung gewarnt worden, die Staubwolke werde sich in ihre Richtung bewagen. Tat sie aber nicht. Sie wehte zur Freude der Menge über den gestürzten Betonberg und das Fallbett hinweg in Richtung Löhrhof II.

Nach gut einer Minute war der Nebel verflogen und erstmals nach mehr als 40 Jahren vom Rathaus aus nahezu freie Sicht bis zur Schaumburgstraße. Das Sprengkommando hatte dafür keinen Blick. Eine Stunde nach dem lauten Knall war es schon auf der Autobahn. „Es ist Sonntag, die Leute wollen zu ihren Familien“, so Sprengmeister Martin Hopfe. Am Montag geht es weiter für die Männer mit der Lizenz zum Zerstören. Bei Daimler in Stuttgart müssen sie etwas zerlegen. Ein neuer Tag, eine neue Stadt, eine neue Herausforderung.