Punk statt Pütt

Foto: WAZ FotoPool

Recklinghausen/Marl.. 

„Als wir die Band gründeten, konnte ich nicht mal Schlagzeug spielen.“ Bertie K. ist Punk der ersten Generation. 1978 gründete er in Marl eine der ersten deutschen Punkbands, „Hass“, und spielte wenige Jahre später vor tausenden von Menschen.

Der bunt gefärbte Iro ist mit dem Alter verschwunden. Lederjacke, längere graue Haare, Ohrschmuck und die tiefe Raucherstimme sind vage Hinweise auf die frühere wilde Zeit des 52-Jährigen. Ein Bier in der einen und vier Zigaretten pro Stunde in der anderen Hand sind nichts im Vergleich zu dem Zeug, was er früher vor Bühnenauftritten in sich hineingeschmissen hat. Doch irgendwann brauchte er eine Auszeit. „Ich war psychisch und körperlich total im Eimer“, sagt er. Denn Europa habe er bereist, Häuser und sogar eine Zeche besetzt. Lebenseinstellung: Dagegen sein.

Begonnen hat Berties Punkergeschichte in Hamburg. Dort diente er bei der Bundeswehr, bis er Großstadt-Punks kennenlernte und es „Klick“ machte. „Ich kannte ja bisher nur meine kleine Püttwelt, aus der ich raus wollte. Die große Freiheit musste her.“ Nach der Zeit in Hamburg gab es kein Zurück mehr in das ursprüngliches Leben als Arbeiter unter Tage.

Zurück in Recklinghausen, wo in den 70er Jahren der Punk bis dato nicht existierte, hatte Bertie als frisch gebackener Punk zu kämpfen. Er musste sich Beschimpfungen anhören von Nachbarn und Leuten, die ihm auf der Straße begegneten. Einen Verbündeten fand er schließlich in Steffi Syndicati, mit dem er bis heute befreundet ist. Mit ihm und anderen Bandkollegen trat er kurz darauf erstmals in der „Post“ in Recklinghausen auf. Daraufhin folgten Auftritte der Band Hass in Berlin, Österreich und Ungarn. Mit den Toten Hosen wurde ein Sampler aufgenommen. „Vor einem großen Publikum fühlte ich mich immer mulmig. Wie sollte ich die Erwartungen von so vielen Menschen erfüllen?“ Um auf der Bühne präsent zu sein und das ausschließlich der Band gewidmete Leben durchzuhalten, nahm Bertie Drogen. Aber es ging nicht nur um Drogen, sondern vor allem ums Wachrütteln der Leute. Die Songtexte der Band waren gesellschaftskritisch: Die Macht des Geldes, Kindesmissbrauch, der Staat und die Politik wurden abgelehnt. „Die Punks der ersten Generation waren kritische Musiker und Schreiber. Die Säufer und Assis tauchten auf, als die Szene beliebter wurde“, erklärt Bertie die Unterschiede der Punkgenerationen.

Berties Band unterschrieb letzten Endes einen Plattenvertrag bei Ariola, einem der erfolgreichsten deutschen Plattenlabels. Das sei der Anfang vom Ende der ersten Bandphase gewesen. Die Punkszene sah den Plattenvertrag als Verrat an den antikommerziellen Idealen an. Die Band Hass kam immer öfter in Konflikt mit anderen Punks, wurde angegriffen oder ausgebuht. 1983 löste sie sich vorerst auf. Bertie machte mit einer Band namens „Nervous Game“ und 1987 wieder mit „Hass“ weiter. 1993 trennte er sich endgültig aufgrund von Streitereien ums Geld von der Band, die noch bis 2001 ohne ihn weitermachte. Genau das, was sie in ihren Texten kritisierten, hat sie letztendlich selbst zerstört: „Geld macht krank und süchtig / Geld macht viele arm / hast du’s, biste wichtig / treibt andre in den Wahn / unsere Erde stirbt für Geld...“

Bertie ist jetzt eine Rarität in Recklinghausen: Die Szene ist so gut wie tot. Vor dem „Sold Out“, einem Szene-Laden in der Münsterstraße, treiben sich ab und zu noch einige etwas punkig angezogene Jugendliche herum, viel mehr ist nicht.

 
 

EURE FAVORITEN

Deshalb gibt es den Aldi-Äquator

Deshalb gibt es den Aldi-Äquator

Beschreibung anzeigen