Prof. Ferdinand Ullrich über das Buch "Public Art Ruhr"

Lange ein Streitobjekt: Der „Streitwagen“ von Vincenzo Baviera zählt nicht zur Hunderter-Auswahl der „Public Art Ruhr“, war aber lange ein Recklinghäuser Politikum – bis die verwandelte Seilscheibe ihren Platz am Campus Vest fand.
Lange ein Streitobjekt: Der „Streitwagen“ von Vincenzo Baviera zählt nicht zur Hunderter-Auswahl der „Public Art Ruhr“, war aber lange ein Recklinghäuser Politikum – bis die verwandelte Seilscheibe ihren Platz am Campus Vest fand.
Foto: WAZ FotoPool
„Public Art Ruhr“ ist die erste gedruckte und gebundene Bestandsaufnahme der Revier-Kunst im öffentlichen Raum. Aus Recklinghausen sind sieben, aus Marl gar elf Werke in den Buch vertreten. Ein Gespräch mit Herausgeber und Museen-Direktor Prof. Ferdinand Ullrich.

Recklinghausen / Vest.. Die Resonanz reicht bis ins gediegene Hamburg: Auch „Art“, Europas auflagenstärkste Kunstzeitschrift, zitiert Prof. Ferdinand Ullrich und berichtet über das von ihm und seinem Kollegen Walter Smerling, dem Direktor der Duisburger Küppersmühle, herausgegebene Buch „Public Art Ruhr“. Aus Recklinghausen sind sieben Kunstwerke unter dieser 100er-Auswahl, aus Marl elf. Ein Gespräch mit dem Recklinghäuser Direktor der Städtischen Museen.

Wie ist das Werk entstanden?

Prof. Ullrich: Wir baten die Kollegen aller 20 Ruhrkunstmuseen um Vorschläge. Bedingung war: Die Kunstwerke mussten nach dem Krieg entstanden sein und im öffentlichen Raum stehen, also für jeden zugänglich sein. So kamen wir auf 200 Nennungen; viele große Namen – wie Richard Serra und Ulrich Rückriem – wurden mehrfach genannt. Das war unsere zweite Regel: pro Künstler ein Werk. So entschieden wir uns bei Serra für das berühmte und seinerzeit heftig umstrittene Bochumer „Terminal“.

War es für die Auswahl denn ein Kriterium, ob Sie zu den Werken auch Geschichten erzählen konnten?

Was Skandale angeht, können wir in Recklinghausen ja mit Henry Moores „Liegender“ aufwarten. Die Geschichte aus dem Jahre 1965 musste erzählt werden. Aber es war kein Auswahl-Kriterium. Es ging uns auch nicht nur um prominente Werke – um Qualität, ja – sondern auch darum, Entdeckungen zu machen. Oder die mangelnde Pflege zu demonstrieren. In Mülheim ist uns ein Werk genannt worden, das wir nicht aufnehmen konnten, weil es bereits halb zerstört war.

Die Städte haben also nicht immer den Überblick über ihre Kunst im öffentlichen Raum . . .

. . . oder sie haben nicht die Kapazität, es im Blick zu behalten. Ich sage nur: Lichtkunstwerke. An den Seilscheiben von Maik und Dirk Löbbert, „Hochlarmark bleibt in Bewegung“, müssen wir bald eine größere Reparatur vornehmen. Aber auch auf „stabile“ Materialien wie Bronze muss man achten: Beim Moore im Stadtgarten waren Bolzen ausgeschlagen.

Die „Liegende“ wird wohl eher zu sehr geliebt?

Das kann man sagen. Es turnten schon Generationen von Kindern darauf herum und identifizierten sich somit in besonderer Weise damit. Wir sehen das also mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Kunst ist kein Klettergerüst.

Recklinghausen scheint eine glückliche Hand zu haben. Können Sie sagen, wo Kunst im öffentlichen Raum besonders gefährdet ist?

Nein, man darf sich auch von sogenannten sozialen Brennpunkten nicht abschrecken lassen. Der Künstler muss sein Werk robust machen – im technischen und im ästhetischen Sinne. Die Unwägbarkeiten des öffentlichen Raumes muss die Kunst aushalten. Die Welt bleibt nicht so, wie sie ist.

Ist das auch ein Plädoyer, die öffentliche Möblierung – von Straßenlaternen bis Papierkörben – dezent zu gestalten?

Da haben Sie völlig recht. Schon die Schilderwälder um uns herum sind ästhetische Katastrophen. Ein Kunstwerk dagegen ist der Höhepunkt der Stadtgestaltung. Darum sind Diskussionen nicht schädlich, sondern notwendig, um die Katastrophen zu verhindern. Wenn es einmal dasteht, kann man nicht sagen: Nun geht’s ins Depot.

Dafür war der „Streitwagen“ von Vincenzo Baviera lange ein trauriges Beispiel?

Das war wirklich ein Ärgernis, abgestellt wie Schrott. Ein Werk ist nur dann ein Werk, wenn es auch präsentiert wird. Sonst ist es nur Material.

Sie haben ins Buch viele Werke aufgenommen, die an unwirtlichen Orten stehen wie Schnellstraßen – und die dort mit Graffiti übersprüht wurden. Wie sehen Sie diese „Art“-Attacken?

Sehr zwiespältig. Es kann nicht legitim sein, ein Kunstwerk mit einem anderen zu übersprühen und es so zu zerstören. Das hat etwas Parasitäres. Auch die Kunst der Subversion muss sich am respektvollen Umgang mit anderen Werken messen lassen. Wir haben bei den Recherchen in Essen eine kleine Bürgerinitiative entdeckt, die sich um „ihre“ Werke am Moltkeplatz kümmert. Das ist vielleicht ein Modell.

Wie sehen die weiteren Schritte der Ruhrkunstmuseen aus?

Wir wollen gereinigte und restaurierte Werke festlich wiedereröffnen und zeigen: Sie sind es wert, dass wir wieder eine Aktion starten, Einladungen verschicken, auch den Künstler einladen. Unser Projekt ist mit dem Buch noch nicht beendet. Die nächste konkrete Idee ist eine Datenbank im Internet, die wir mit den Kultursekretariaten einrichten wollen. Die 100 Werke der „Public Art Ruhr“ sind ja größtenteils neu fotografiert. Wir müssen also nur unseren Bilder- und Texte-Bestand zur Verfügung stellen.

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