Paetzel: „Protest ist Kinderkram“

Norbert Ahmann
Weites Land: Der Blick vom Förderturm der ehemaligen Zeche Westerholt ist atemberaubend. Vor einem liegt Gelsenkirchen-Scholven – in ganzer Pracht. Foto: Lutz von Staegmann
Weites Land: Der Blick vom Förderturm der ehemaligen Zeche Westerholt ist atemberaubend. Vor einem liegt Gelsenkirchen-Scholven – in ganzer Pracht. Foto: Lutz von Staegmann
Foto: WAZ FotoPool

Herten/Gelsenkirchen. Eingangs der Zielgeraden. Das Rennen um den Titel Innovation City geht in die entscheidende Phase, da wird auch schon mal gekratzt und gebissen.

Zufall? Just auf den vorletzten Metern bekam Gelsenkirchen/Herten nun einen bösen blauen Brief vom geballten Gegner. Absender: Essen, Mülheim, Bochum und Bottrop. Vorwurf: der einzige Tandem-Bewerber hätte sich bei der Bewerbung nicht an die Spielregeln gehalten. Kritik, die Hertens Bürgermeister Dr. Uli Paetzel kontert: „Kinderkram!“

Sauer aufgestoßen ist der Konkurrenz:
a) der Umfang der schriftlichen Bewerbung

Gelsenkirchen/Herten hatte 110 Bewerbungsseiten eingereicht, 60 waren die maximale Vorgabe.


b) 50 000 Menschen sollen im Gebiet leben, das zur Innovation City werden soll, maximal aber 70 000

Bei Gelsenkirchen/Herten sind es etwa 79 000.

c) Verbreitung der Inhalte

Gelsenkirchen/Herten hat seine Ziele und Absichten öffentlich gemacht.

Dabei hatte der Mittwoch planmäßig angefangen. Mit seinem Gelsenkirchener Amtskollegen Frank Baranowski und Projektkoordinatorin Dr. Babette Nieder begrüßte Paetzel am Bergwerk Westerholt gut gelaunt die drei Jury-Mitglieder – den RVR-Chef Heinz-Dieter Klink, den Bochumer Hochschulprofessor Friedbert Pautzke und Andreas Gries (EnergieAgentur NRW) – sowie zahlreiche Gäste aus dem In- und Ausland, die sich bei der Messe „Future Megacities“ in Essen Gedanken auch über eine Innovation City machten.

Irgendwann jedoch, als die Vorwürfe die Runde gemacht hatten, war Paetzel nur noch hin- und hergerissen zwischen Verwunderung und Verärgerung. „Man muss sich doch fragen, wo wir hier sind“, schüttelte er verbal den Kopf, um den Anschuldigungen auf den Grund zu gehen.

Die schriftliche Bewerbung sei 110 Seiten stark, weil man bei der Konzeptvermittlung den Einsatz von Texten, Plänen, Bildern, Grafiken und Tabellen im direkten Zusammenhang für notwendig erachtete und sich dagegen entschied, diese erläuternden Punkte in den Materialband zu verlegen.

Dass „ein bisschen über 70 000 Menschen“ in den Innovation-City-Grenzen leben, gestand Paetzel zu, „doch hätten wir mitten auf mehreren Straßen einfach einen Schnitt machen sollen?“

Was den Mann aber geradezu auf die Palme brachte, ist die Kritik an der Veröffentlichung der Bewerbung. Noch am Donnerstag vor dem Auftritt bei der Expo Real seien er und Baranowski eigens zum Initiativkreis gefahren, um genau darüber zu sprechen. „Es gab keine Einwände, wir haben ganz eindeutig die Freigabe bekommen.“

Und genau das war und ist für Paetzel auch der einzige gangbare Weg. Gerade bei einem Projekt, bei dem die Bürgerbeteiligung höher als hoch gehängt wird, bei dem Menschen mitmischen sollen, bei Bürgerwerkstätten eigene Ideen einbringen, da wäre es doch völlig unverständlich, denen nicht zu erklären und zu zeigen, worum es geht.

Da der Initiativkreis bis gestern keinerlei Einwände erhob, sieht man in Herten auch keinen Grund zu reagieren. Paetzel: „Die Bewerbung steht. So, wie sie ist.“