„Marl war ein Experiment“

Gert Eiben
Eine historische Aufnahme vom Wettbewerbs-Modell der Marler Rathaustürme. Die holländischen Architekten van den Broek und Bakema hatten vier Hochhäuser vorgesehen – zwei wurden gebaut.
Eine historische Aufnahme vom Wettbewerbs-Modell der Marler Rathaustürme. Die holländischen Architekten van den Broek und Bakema hatten vier Hochhäuser vorgesehen – zwei wurden gebaut.
Foto: WAZ FotoPool
Warum Peter Lilienthals Dokumentation „Versuch einer Stadt“ seit 47 Jahren Aufreger-Qualitäten bietet.

Marl. Um einmal mit dem Ende anzufangen: „Marl war ein Experiment. Aber es ist gelungen.“ Wenn ein Film über Marl so positiv endet, dann sollte man doch zufrieden sein können. Doch Bürgermeister Rudolf Heiland war 1964 überhaupt nicht einverstanden mit dem, was Regisseur Peter Lilienthal in dieser aufstrebenden Großstadt gefilmt hatte.

Die nächsten 36 Jahre landete „Marl – Versuch einer Stadt“ erst einmal im „Giftschrank“ des WDR. Was ist so schlimm an dem Film? Der Regisseur blickte nicht nur nach vorne, dahin wo der Bürgermeister hinguckte. Er warf auch einen Blick zur Seite, auf die Marler Wurzeln, die es „auch“ noch in Marl gab und die dankbare Kontraste zu den Heiland-Visionen lieferten.

In langen Passagen bildet der damals 35-jährige Peter Lilienthal ein biederes Vereinsleben ab: Singen von Heimatliedern, Auszeichnungen mit Vereins-Orden und viel „Prosit“ im Vereinsleben. Uralte Zechenhäuser sind zu sehen, aber auch nagelneue Hochhäuser. Und dann die Neue Mitte mit einem bombastischen Rathaus, innen mit Marmor ausgekleidet.

Hier erklärt Rudi Heiland die Zukunft: visionär, selbstsicher bis arrogant. Marl ist nicht bescheiden, Marl ist reich. Es baut auf Kohle, die es noch viele Jahrzehnte geben wird, wie Bergassessor Oswald Niegisch von der Zeche Brassert stolz verkündet. Es setzt auf Chemie, für die Paul Baumann, der damalige Vorstandsvorsitzende der Chemischen Werke Hüls, wirbt.

Marl ist nicht nur Idee, Marl ist auch schon Realität: Der Film zeigt die Paracelsus-Klinik, das modernste Krankenhaus Europas, für das Rudi Heiland studienhalber bis in die USA reiste. Er zeigt die supermoderne Volkshochschule, genannt „insel“, einen völlig neuen Typ von Bildungsanstalt, der Lernen zum spielenden Vergnügen macht.

Keine Überraschung also, dass am Ende so ein positives Fazit steht. Allerdings kommt noch ein unschöner Nachschlag: Nach Ende der Dreharbeiten ist bekannt geworden, dass die Zeche Brassert (die sich vor Lilienthals Kamera in den leuchtendsten Zukunftsfarben dargestellt hatte) die Belegschaft um 1500 Mitarbeiter reduziert.

Ob das ein Zeichen für ganz Marl ist? 30 Jahre später beginnt für die Stadt das Finanzdebakel. 40 Jahre später fragt man sich verwundert, wie es dazu kommen konnte.

Der Film kann dabei helfen, die Antwort zu finden. Die Visionen Rudi Heilands wiesen der Stadt den Weg. Seinen Nachfolgern fehlte die Kraft, ihn weiterzugehen. Und die Realität hat alles überholt.