Mann kann auch anders

Er spielte Gitarre, übernahm Hausarbeit und half auf andere Weise. Timm Helmcke (24) arbeitete zwei Monate lang im Frauenhaus.Foto: Mathias Schumacher
Er spielte Gitarre, übernahm Hausarbeit und half auf andere Weise. Timm Helmcke (24) arbeitete zwei Monate lang im Frauenhaus.Foto: Mathias Schumacher

Recklinghausen..  Männer haben in Frauenhäusern nichts zu suchen: Auf diese Überzeugung sind auch im Vest die Verantwortlichen eingeschworen, um bei den hilfesuchenden Frauen keine neuen Wunden aufzureißen. Doch diese Gewissheit ist ins Wanken geraten.

Mit Timm Helmcke absolvierte zum ersten Mal ein Mann ein zweimonatiges Praktikum im Frauenhaus. Weitere Praktikanten können dem 24-Jährigen aus Marl folgen. Denn der junge Mann hat weder Unruhe noch Angst ausgelöst unter Frauen, Müttern und Kindern, die dort Schutz finden vor gewalttätigen Partnern. Frauenhaus-Leiterin Anne Meiworm: „Wir sind nicht auf einer Insel. Die Frauen sollen Normalität leben und lernen, Aufgaben zu bewältigen.“ Zum Alltag gehört die Begegnung mit Männern, das bringt Timm Helmcke ins Spiel, der nach Überzeugung der Frauenhaus-Leiterin auf unauffällige Art viel geleistet hat: „Er hat das Vertrauen der Frauen und Kinder gewonnen.“

Dies gelang dem angehenden Erzieher, indem er sich in den Alltag im Frauenhaus integrierte und dort Aufgaben übernahm, wie sie Praktikantinnen ganz selbstverständlich übertragen werden: Tische abwischen, kochen, backen. Neben pädagogischen brachte Timm Helmcke auch hauswirtschaftliche Fähigkeiten mit, und sie leisteten ihm gute Dienste.

Vermittelte er doch auf diese Weise den Erwachsenen im Frauenhaus den ungewohnten Gedanken, dass Mithilfe bei der Hausarbeit zur Männerrolle neuer Prägung gehört, erklärt Gregor Rüter, Leiter des Alexandrine-Hegemann-Berufskollegs, an dem Helmcke im zweiten Jahr ausgebildet wird. Der 24-Jährige drängte sich nicht auf, er habe den Frauen Zeit gegeben, sich an ihn zu gewöhnen und Kontakt aufzunehmen: „Das hat gut funktioniert.“

Über das alltägliche Miteinander im Frauenhaus hinaus begleitete er Mütter zum Logopäden oder Arzt und half beim Ausfüllen von Formularen für Behörden, was für Frauen mit Migrationshintergrund eine echte Hürde darstellen kann.

Auch den Kindern vermittelte der Praktikant ein neues Bild von männlichem Selbstverständnis, und dies war Vorstand und Geschäftsführung sehr wichtig. Denn negative, manchmal gewaltbesetzte Erfahrungen mit Vätern haben sich auch dem Gedächtnis der Jungen und Mädchen eingeprägt. Timm Helmcke spielte mit ihnen, sang Weihnachtslieder, er fand ein fasziniertes Publikum, wenn er zur Gitarre griff oder die Lichterkette vor den Fenstern anmontierte, und er scheute keine Hausarbeit. Vor allem Moslem-Familien erleben den Vater als „Chef“, so Hauswirtschafterin Kamila Krol-Gardianczyk, der 24-Jährige zeigte andere Seiten: Mann kann auch anders. „Das war eine gute Erfahrung“, bilanziert Frauenhaus-Leiterin Meiworm. „Die Zeit ist reif.“

Nicht nur im Kreis eine Seltenheit

Im Kreis bieten fünf Frauenhäuser in Datteln, Herten, Dorsten, Castrop-Rauxel und Recklinghausen Schutz. Das Frauenhaus in Recklinghausen ist mit fünf Frauen und sechs Kindern voll belegt. Sie wurden auf den Einsatz des männlichen Praktikanten vorbereitet, so Leiterin Anne Meiworm.

Erfahrungswerte aus anderen Frauenhäusern über männliche Praktikanten habe sie nicht gefunden -- Timm Helmckes Praktikum war wohl nicht nur im Kreis eine Seltenheit. Der 24-Jährige hatte bereits eine erste Berufsausbildung zum Mechatroniker abgeschlossen, als er sich 2011 zur zweiten Ausbildung zum Erzieher am Alexandrine-Hegemann-Berufskolleg anmeldete. Seine Aussichten auf dem Arbeitsmarkt schätzt Schulleiter Gregor Rüter als ausgezeichnet ein: Tageseinrichtungen für Kinder, früher Kindergärten genannt, suchen dringend Personal.

Männer sind in diesem Ausbildungszweig in der Minderzahl. Helmcke, der sich ehrenamtlich in der Jugendarbeit der Marler Kirchengemeinde St. Georg engagiert, will seine Ausbildung fortsetzen und berufsbegleitend studieren.

 
 

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