Kunst im Zwischen-Reich

„Modellbau“ in der Fährmannschule: „Somewhere in the West“ nennt die in der georgischen Hauptstadt Tiflis aufgewachsene Anna K. E. ihre imaginäre Architektur. Die abgerockten Klassenräume der einstigen Förderschule bieten ein passendes Ambiente. Foto: Joachim Kleine-Büning/WAZ FotoPool
„Modellbau“ in der Fährmannschule: „Somewhere in the West“ nennt die in der georgischen Hauptstadt Tiflis aufgewachsene Anna K. E. ihre imaginäre Architektur. Die abgerockten Klassenräume der einstigen Förderschule bieten ein passendes Ambiente. Foto: Joachim Kleine-Büning/WAZ FotoPool
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Die Fährmannschule als „Exil“ und Marls „Sammlung im Prozess“ im Glaskasten lohnen Ausstellungs-Besuche auch zwischen den Jahren.

Recklinghausen / Marl.. Wenn Abrissbirnen funkeln wie Disco-Kugeln – ist das dann ein Statement zur Situation der Städtischen Museen im „Exil“? Auch zwischen den Jahren macht der Ausstellungsbetrieb keine Pause. Wie schön – denn es gibt auch auf den zweiten Blick vieles zu entdecken in der Fährmannschule am Kurfürstenwall.

Vera Lossau jedenfalls liefert mit ihren bunt mit Scherben beklebten „Wrecking Balls“ aus Gips ein vielschichtiges Entree zur begleitenden Ausstellung des Kunstpreises „junger westen“. Sieht die 35-Jährige aus Düsseldorf die aktuelle Bildhauerei als Abriss-Unternehmen? Museums-Chef Prof. Ferdinand Ullrich erkannte in vielen Werken der 28 „junger westen“-Kandidaten – ganz im Gegenteil – eher auf „Modellbau“: teils spielerisch, teils mit Akribie handgearbeitet (während die Architekten-Zunft längst am PC „modellbaut“).

Christoph Medicus ist der Ausreißer in diesem Trend: Er animiert zur Kunst-Umgestaltung seiner aufwändig mit Kreide überwischten Wand – die in der Schulaula den Blick verstellt auf die kindlich-bunte Pop-Art von Cornelius Grau („nomen est not omen“). Der 28-jährige Münchner legte wischbereit eine Schale plus Schwamm auf die brusthohe Brüstung. „Mitspieler“, die an der Kunst wischen, könnte allerdings Vorwissen bremsen: Schließlich weiß man ja, wie teuer es wurde, als eifrig bemühte Putzfrauen sich an Beuys-Installationen zu schaffen machten . . .

Einer von Beuys’ berühmten Schlitten mit festgeschnallter Taschenlampe und Filzdecke zählt auch zum Bestand des Skulpturenmuseums in Marl. Dort fährt Gerd Elben als neuer Chef des Glaskastens mit dem Bestand Schlitten – um im winterlichen Metier zu bleiben. Nein, tatsächlich ist das Umräumen unter dem Motto „Sammlung im Prozess“ eine durchaus behutsame Entdeckungs-Tour des Videokunst-Kenners Georg Elben – und der Museumsbesucher kann den Entdeckerspaß teilen: Schon kleine Bewegungen können für Aha-Erlebnisse sorgen. Norbert Krickes kleine Skulptur „Kriechender“ etwa hat die „Sammlung im Prozess“ schlicht vom Sockel geholt: Die Bronze „kriecht“ nun über den Museumsboden – und fängt so ganz anders die Blicke der Besucher.

Auch das schlichte Prinzip, dass Illumination vor dunklen Vorhängen viel besser zur Geltung kommt, als vor heller Fensterfront verhilft Ingo Günters Globen jetzt endlich zu schönster Geltung: Seine leuchtenden Erdkugeln illus­trieren verblüffend elegant statistisches Weltwissen: Diese Schul-Globen hätten sogar im Unterricht ihren Wert . . .

Damit zurück von Marl nach Recklinghausen – und an der Fährmannschule vorbei ins Kutscherhaus. Denn auch der Kunstverein öffnet während der Ferienzeit eine Werkschau des 37-jährigen Wolf Hamm, die in der dunklen Jahreszeit funkelt und mit Leuchtkraft auftrumpft.

Wer durch acht Millimeter starkes Acrylglas auf Lackfarben blickt, der erkennt: Brillanz gehört hier ebenso zum Programm wie ein Zitaten-Zauber quer durch die Kunstgeschichte. Üppiger Figuren-Zierrat begegnet hier pointiert umgedeuteten Piktogrammen. Und das Video über Wolf Hamms bisher größte Arbeit lohnt ebenfalls das Verweilen.

 

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