Kohle, Kunst und Currywurst

Preisträger Arno Specht am Samstag  im Grimme-Institut bei der Abschlussveranstaltung des FIlmfestivals TV : Tour den Ruhr. Foto: Mathias Schumacher / WAZ FotoPool
Preisträger Arno Specht am Samstag im Grimme-Institut bei der Abschlussveranstaltung des FIlmfestivals TV : Tour den Ruhr. Foto: Mathias Schumacher / WAZ FotoPool
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Marl.. Was bleibt? Wenn kohleschwarze Kumpel kreativen Köpfen weichen, wenn es grünt und blüht, wo staubgraues Gestein einst sein eisernes Regiment führte. Wenn statt Kohle Kunst gefördert, und ein Stahlwerk geschlossen wird: Museen statt Maloche? Ist jetzt alles anders, alles neu, alles gut?

Was bleibt sind wir: Der Dokumentarfilm von Werner Kubny und Per Schnell stellt die Menschen in den Fokus, gibt denen eine Stimme, die mit ihren Sorgen und Nöten, Erinnerungen, Geschichten, Träumen, Hoffnungen und Visionen die Region weit stärker prägen, als es ein Förderturm je könnte. „Mir gefällt an der Art, wie Werner Kubny und Per Schnell Filme machen, die Nähe und die Ehrlichkeit“, lobt WDR-Redakteurin Beate Schlanstein, „Sie sind den Menschen sehr nahe, sehr zugewandt, aber aus dem, was sie machen, wird nie Kitsch. Es ist ein sehr ehrliches Bild, das hier gezeichnet wird.“

Eine Woche lang zeigte das Grimme-Institut alte und neue, meist preisgekrönte Produktionen, die sich thematisch mit dem Ruhrgebiet und seinen Menschen auseinandersetzen: Kleine Geschichten um Kohle und Fußball, die Chronik einer Zeche, Schimanskis Tatort und die so herzliche, mitunter so komische Dokumentation zweier deutsch-türkischer Familien. Das TV-Festival zeigt, was hier jeder schon wusste: Das Ruhrgebiet ist keine homogene Masse, sondern eckige, kantige Heimat von 5,3 Millionen Menschen, die lieber Dortmunder, Bochumer, Marler oder Hertener, als Bürger einer riesigen Szene-Metropole sind. Warum auch nicht. „Wir haben nicht ein Zentrum, sondern 53“ erklärt Fritz Pleitgen, Journalist und Ruhr.2010- Geschäftsführer, seine Vorstellung von einer polyzentrischen Metropole Ruhr. Die Kulturhauptstadt sei ein erster Schritt in die richtige Richtung gewesen: „Rivalität und Missgunst untereinander sind lähmend. Doch der Geist der Rivalität ist dem Geist der Kooperation gewichen, auch durch die Kulturhauptstadt“, betont Pleitgen.

Wie verschieden, wie vielfältig der ganz private Blick auf das Ruhrgebiet sein kann, zeigen die Beiträge zum Video-Wettbewerb Pott-Spot. 60 Profis und Laien präsentieren in jeweils drei Minuten langen Beiträgen ihre ganz eigene Wahrnehmung der Heimat. „Ein Kaleidoskop“, nennt Uwe Kammann, Direktor des Grimme-Instituts das Ergebnis; Ein Eindruck, den die zehn besten der Pott-Spots bestätigen. Da ist Patrick Praschmas „sans mots“, eine Hommage an die Stummfilm-Ästhetik, da ist Ulle Bowskis urkomische „Sprengung des Goliath“, ein Marler Lokal-Mythos. Und da ist Arno Spechts „Einfach Abheben!“, eine rasante Collage vertrauter Bilder, für die der 41-jährige Grafiker aus Marl von Fritz Pleitgen persönlich einen der Hauptpreise erhält.

„Ich habe noch nie auch nur einen Blumentopf gewonnen“, freut sich Specht, den die Liebe zur Fotografie ans Filmen brachte. „Auf meinen Fototouren durchs ganze Ruhrgebiet habe ich irgendwann auch angefangen, kleine Filme zu drehen.“ Bochums Straßenbahn, die Sonne hinter dem Tetraeder, Schützenvereine, Raver, Violinisten und eine flatternde Taube: „Viele der verwendeten Szenen sind so entstanden, waren also schon als Rohmaterial vorhanden. Andere habe ich extra neu gedreht“, so Specht, „die Currywurst an der Bude zum Beispiel, die musste einfach mit.“

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