Jevgenij Sitochin brilliert bei der ersten Premiere der Ruhrfestspiele

Foto: Oliver Mengedoht / WAZ FotoPool
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„Der Revisor“ ist vor allem die pointensichere Party des großartig aufspielenden Jevgenij Sitochin in der Titelrolle. Dafür hätte er ruhig noch mehr Applaus abkassieren dürfen.

Recklinghausen. Jevgenij Sitochin scheint ein überaus kollegialer Mensch zu sein. Beim Schlussapplaus für die erste Premiere der 66. Ruhrfestspiele versteckte er sich geradezu hinter dem Ensemble – oder er schaute, dass er gemeinsam mit seinem Kollegen Bernd Michael Lade auf die Bühne stürmte.

Dabei war es ganz und gar Sitochins Party. Er spielte die Titelrolle in Nikolai Gogols „Revisor“ – und wie er sie spielte, war eine Freude. Frank Hoffmann bewies erneut ein überaus glückliches Händchen in der Auswahl seiner Hauptdarsteller – so wie im Vorjahr mit Martin Brambach in Taboris „Demonstration“.

Jevgenij Sitochin setzte sich keine Clowns-Perücke mit Gummiglatze auf. Aber er war ein großer Clown in seiner Rolle als falscher Revisor. Scheinbar zappelig, scheinbar hilflos. So konnte man glatt übersehen, dass dieses Balancieren am Rande der Albernheit auch ein artistisches Meisterstück ist.

Er hätte gar nicht sprechen müssen

Wenn der vermeintliche Revisor inmitten der Kleinstadt-Kamarilla mal keinen Auftritt hatte – es waren nur kurze Momente – dann musste man ihn prompt vermissen. Für sich war jede der übergroßen Gesten dieses Ivan Alexandrovitch Chlestakov überzogen, affektiert. Doch Sitochin machte daraus ein pantomimisches Solo-Ballett.

Er hätte gar keinen Text sprechen müssen – hätte er nicht auch noch so schön gesprochen. In der vielleicht stärksten Szene redet er sich vor seinen Bewunderern derart in Rage und Größenwahn, dass daraus für Momente eine Figur wird zwischen Putin und Adenoid Hynkel, Chaplins „großem Diktator“.

Bernd Michael Lade als Stadthauptmann Skoznik-Dmuchanovskij (diese russischen Namen!) kann angesichts der Charmeoffensive Sitochins, die aus jedem Fingerzeig sprüht, in keinster Weise mithalten. Sein rasender Kleinstadt-Boss gerät ihm so steif, wie jener abgetretene Bettvorleger, den er als „Zobel“- Mantel zwei Stunden lang tragen muss. Das muss so sein bei diesem Provinz-Wüterich? Nein. Schließlich ist der Mann ein nervliches Wrack – all seine korrupten Machenschaften könnten auffliegen. Aber außer Bölken und Gehstock-Fuchteln hat dieser Skoznik-Dmuchanovskij wenig aufzubieten.

Komödie mit Abgründen

Als frivole Hauptmanns-Gattin zeigt Tatjana Pastor, was sich aus kleineren Rollen machen lässt in dieser durchweg gut getimten Komödie – erst recht, wenn die allerliebst karikaturesken Kostüme von Katharina Polheim einen Part so kleidsam mitprägen. Zehn Schauspieler um den irrlichternden Stern des vermeintlichen „Revisors“ setzen so ein Typen-Karussell in Bewegung, an dem man seine Freude haben kann: manchmal so klischeehaft „russisch“, dass man aufstöhnen möchte. Aber man erkennt stets jene Archetypen, die auch 180 Jahre nach Gogol keineswegs ausgestorben sind. Den zynischen Zemljanika kennen Sie auch: Er trägt heute schickes Tuch statt Pelzmantel und Fellkappe.

Frank Hoffmanns Inszenierung mag die Lacher hervorkitzeln. Aber diese Komödie hat durchaus ihre Abgründe – und die suggeriert nicht nur das düstere Bühnenbild. Hungrig, pleite und ein russisches Lied jammernd spielt Chlestakov – ehe aus ihm der „Revisor“ wird – mit dem Revolver in seiner Hand. Zum Schluss hat der mafiöse Stadthauptmann einen der traurigen Kleinstadt-Clowns à la Samuel Beckett erschossen.

 
 

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