Euphorie hat Tradition

Recklinghausen Arcaden oder Quartier am Markt – Löhrhof oder Karstadt. Oder geht gar beides? Investoren aus Essen und Duisburg haben die Innenstadt entdeckt. Die WAZ trägt eine Woche lang Fakten zusammen. Heute zur Geschichte der Häuser.

Recklinghausen. Die Olympischen Spiele sind just vorbei, Bayern München ist amtierender Deutscher Fußballmeister und Recklinghausens Stadtväter träumen vom großen Wurf – einem topmodernen Einkaufscenter am Löhrhof. Nur schreiben wir nicht das Jahr 2008, sondern 1972.

Oberbürgermeister ist Heinrich Auge (ja, Recklinghausen ist noch kreisfrei). Der SPD-Mann legt am Freitag, dem 13. Oktober den Grundstein für das Löhrhof-Center. „Ein Bauwerk zum Besten der Stadt”, sagt Auge.

Bauherr Hans Grothe investiert 120 Millionen D-Mark, um die unansehnliche Insel inmitten des mittelalterlichen Wallrunds in ein Einkaufszentrum zu verwandeln, das die Bedeutung Recklinghausens als wirtschaftlichen Mittelpunkt der Region festigen und ausbauen soll. Gutachter bestätigen, dass die geplante Verkaufsfläche von 25 000 Quadratmetern benötigt wird und genügend Kaufkraft in der Region vorhanden ist.

Am „Freitag, den 13.”fängt das Dilemma an

36 Jahre später bleibt festzuhalten, dass „Freitag, der 13.” wohl kein Glückstag für die Festspielstadt ist. Denn alle Löhrhof-Konzepte sind bis heute mehr oder weniger gescheitert: wirtschaftlich, städtebaulich und sozialpolitisch.

Die Serie der Pleiten und Pannen fängt schon beim Grundstein an. Lörhof ohne „h” nach dem „ö” steht dort zu lesen. Die Bauzeit dauert ein Jahr länger als erwartet. Oberbürgermeister Erich Wolfram (SPD) eröffnet am 2. September 1975 „das Jahrhundertwerk” Löhrhof-Center. Neben Karstadt hat Recklinghausen nun mit Horten (ab 1982: Hanse SB) ein zweites großes Warenhaus. Die 59. Filiale des Konzerns ist 10 000 Quadratmeter groß.

Die Menschen der Region stürmen das Center in den ersten Wochen und die Offiziellen werden nicht müde, Lobeshymnen auf die gelungene Architektur zu singen. Die Realität wird sie schnell einholen, Ende der 80er Jahre spricht Ferdinand Zerbst dann vom „Beton-Fetischismus” der 70er-Jahre. Als Geschäftsführer des Möbelhauses KAT und CDU-Kommunalpolitiker erlebt er hautnah mit, welche Probleme der Einkaufstempel der Stadt beschert.

Die Sozialarbeiterwerfen das Handtuch

Der größte Flop im Löhrhof war sicher das integrierte Jugendzentrum. Land (375 000 DM), Stadt (170 000 DM) und Bauherr Grothe (60 000 DM) finanzierten die 725 Quadratmeter große Jugendstätte im dritten Obergeschoss. Nach nur einem halben Jahr schmissen die Sozialarbeiter das Handtuch, weil sie dem Vandalismus nicht Herr wurden.

Insgesamt sind die 1980er-Jahre geprägt vom Niedergang des Centers. Immer mehr Läden schließen, weil sich die Prognosen der Gutachter im Hinblick auf die Kaufkraft als falsch herausstellen und der Löhrhof viel zu groß ist. Hinzu kommen Probleme mit Obdachlosen, Junkies und Kriminellen, die Architektur spielt Langfingern in die Hände.

1988 schließt Hanse SB, die Grothe-Gruppe kündigt den Umbau des Centers an, will 15 bis 30 Millionen Mark investieren. Ein Jahr später verkauft Grothe den Löhrhof an eine schwedische Immobilienfirma. Nach einem zehnmonatigen Umbau eröffnet das Löhrhof-Center im Mai 1992 zum zweiten Mal, die folgenden Jahre gehen als die bislang besten in die Geschichte ein.

Die Seifenblase der Feldmann-Brüder

2000 dann, Bayern ist Meister, die Spiele in Sydney sind Geschichte, entdecken die Feldmann-Brüder Christoph und Thorsten den Löhrhof. Die Stadtspitze jubelt. „Der neue Löhrhof” stößt in neue Dimensionen vor. Auch Löhrhof II, der Parkplatz zwischen Löhrgasse, Löhrhofstraße und Hermann-Bresser-Straße, soll endlich entwickelt werden.Als der Bebauungsplan im Juni 2001 im Stadtentwicklungsausschuss beschlossen werden soll, platzt die Seifenblase.

In den kommenden Jahren wechseln die Besitzer. 2002 wird nach erneutem Umbau zum dritten Mal reduziert und eröffnet. Im Jahre 2007 erscheint dann die Management für Immobilien AG (mfi) auf der Bildfläche, kauft alle Objekte und macht die Recklinghausen Arcaden zum Thema. Aktuell sind 9000 von 13 000 qm Verkaufsfläche vermietet.

Hoffen auf Schalkeund kluge Stadtväter

Wieder einmal winkt der große Wurf. Das Bebauungsplanverfahren läuft - wieder einmal. Und wieder einmal bestätigen Gutachter, das RE unbedingt mehr Verkaufsflächen benötigt. Nur so habe die Stadt eine Zukunft und die Chance, ihre Zentralität zu stärken.

Bis zum Herbst 2012 soll alles fertig sein. Die Spiele in London wären dann auch schon Geschichte und Bayern vermutlich wieder Meister.

Hoffen wir also auf Schalke und kluge Recklinghäuser Stadtväter und Politiker.

So ging es los

8. Juli 1969: Der Haupt- und Finanzausschuss entscheidet, den Bereich des Löhrhofplatzes neu zu gestalten.1970-71: Der Rat entscheidet sich für Hans Grothe aus Duisburg-Homberg als Investor und befürwortet die Entwürfe des Recklinghäuser Architekten Horst Reckewell.13.10. 1972: Bürgermeister Heinrich Auge und Hans Grothe legen den Grundstein. Als Eröffnungstermin fest vereinbart ist der 1. September 1974.2.9. 1975: Eröffnung des Einkaufszentrums.Baukosten: 120 Mio DMBeteiligt: 70 Firmen mit 2500 BauarbeiternMaterial: u.a. 120 000 Kubimeter Beton, 250 000 Meter Kabel, 2750 Tonnen StahlNutzfläche: 47 800 qmVerkaufsfläche: 25 000 qmBürofläche: 4500 qmTiefgarage: 9000 qmFachgeschäfte: 32Warenhäuser: 2 (größter Mieter: Horten, später Hanse SB)Kinos: 2Gaststätten: 51 Jugendzentrum

So ging es weiter

3.8. 1977: Die WAZ zitiert den städtischen Baudezernenten Gerd Häckelmann: „Ich glaube, dass Löhrhof II nicht mehr kommt.”Februar 1987: Grothe kündigt Investitionen an und spricht von „Bausünden”.21.12. 1988: Hanse SB schließt18.3. 1989: Eine schwedische Immobilienfirma kauf den Löhrhof für 80 Mio DM1990-1992: Umbau des Centers für 35 Mio DM. Die Arkaden zu Peek & Cloppenburg werden abgerisssen, ebenso wie Kino und Jugendzentrum. Es entstehen zusätzliche Parkplätze. Am 9. Dezember 1991 wird die Brücke über dem Kaiserwall abgebrochen, eine neue wird gebaut. Nun können auch Autos vom Parkhaus am Kaiserwall auf die Parkebene des Centers fahren.6.5. 1992: Wiedereröffnung. Mit Media-Markt und H&M ziehen attraktive Mieter ein.Juli 1999: Die schwedische Immobilien- und Aktiengesellschaft Tornet, seit 1996 Eigentümer, will das Center verkaufen. Erster Interessent ist der Immobilienunternehmer Hubertus Hasebrink aus Gladbeck. Es gibt keine Leerstände.Ende 1999: Die Feldmann-Brüder Christoph und Thorsten entdecken den Standort. „Der neue Löhrhof” soll das alte Center mit einem neuen auf dem Löhrhof II verbinden. 200 Millionen Mark sollen investiert werden Das Feldmann-Konzept sieht eine Verdoppelung der Verkaufsfläche auf 39 000 qm vor31.1. 2000: Der Rat gibt das Bebauungsplanverfahren auf den Weg1.8. bis 1.9. 2000: Die Pläne liegen öffentlich aus, sie sehen nur noch 24 000 qm an Verkaufsfläche vorMai 2001: Die Feldmann AG teilt mit, dass nur noch die Bebauung des Löhrhof II (Parkplatz) realisiert werden soll25.6. 2001: Das B-planverfahren wird eingestellt, weil die Feldmann-Brüder ihre Absichten ganz aufgebenOktober 2002: Die Eigentümer investieren elf Millionen Mark und eröffnen nach einem Umbau das Center zum dritten MalDezember 2005: Tornet verkauft den Löhrhof an die holländische Gruppe Laplin e.V.2007: Das Center gehört mittlerweile der Hummel-Gruppe und der Schweizer Investment-Gesellschaft VMF. Diese beauftragt die Management für Immobilien AG (mfi) aus Essen ein Konzept für die Erweiterung des Centers samt Löhrhof II zu entwickeln1. März 2008: Die Management für Immobilien AG (Essen) übernimmt alle Immobilien mit dem Ziel die Recklinghausen Arcaden zu bauen. Die Investitionssumme wird mit 200 Mio Euro angeben.

Seit 115 Jahren lockt Karstadt Kunden an

Recklinghausen. Seit 115 Jahren ist Karstadt ein, vielleicht sogar „der” Magnet in der Recklinghäuser Altstadt. Ein Blick zurück: Am 18. März 1893 eröffnete Theodor Althoff an der Breiten Straße eine Filiale seines Dülmener Stammhauses für Kurz-, Woll- und Weißwaren. Zu jener Zeit war Rudolph Karstadt bereits seit zwölf Jahren mit seinem Tuchgeschäft in Wismar aktiv. 1918 schlossen sich die beiden Unternehmen und starteten einen Siegeszug durch ganz Deutschland.

In Recklinghausen entstand 1896 das erste neue Althoff-Haus an der Ecke Breite Straße/Große Geldstraße – bis Ende 2006 nutzte Karstadt dieses Gebäude. 1911 wurde das erste Warenhaus am heutigen Standort, Markt 1, eröffnet. 1930, 1936, 1977 kamen Um-, Neu- und Erweiterungsbauten hinzu; zwischen Schaumburgstraße und Lampengässchen verfügt Karstadt über rund 15 000 qm Verkaufsfläche. Von 1961 bis 1968 war Recklinghausen sogar so etwas wie der Nabel der Karstadt-Welt: Hier war die Zentralverwaltung des Handelsriesen untergebracht.

Das ist Geschichte. Der Standort Recklinghausen stand in den letzten Jahren mehrfach zur Disposition, blieb aber – im Gegensatz etwa zu Herten, Datteln, Marl – bis heute erhalten.

Erst vor etwa zwei Wochen beendete der Konzern eine viel zu lange Zeit der Unsicherheit, die ein Prüfverfahren in punkto Wirtschaftlichkeit ausgelöst hatte. Wirklich gesichert ist Karstadt in Recklinghausen allerdings nicht – die Zukunft hängt am Ausgang der aktuellen Entscheidung um ein neues Shopping-Center. ezn

> Mehr zum Thema lesen Sie hier:

Die Leute wollen shoppen

Multi Development bittet um Dialog

Gemischte Gefühle

Es kann nur einen geben

 
 

EURE FAVORITEN