Ein gnadenlos guter Wortakrobat

Christofer Rott ist seit geraumer Zeit als Wortakrobat in der Poetry-Slam-Szene erfolgreich unterwegs. Die spannenden literarischen Vortragswettbewerbe sind seine Welt, für ihn besteht Suchtgefahr.

Datteln. 
Christofer Rott geht die Treppe zur Bühne in der Essener Weststadthalle hoch, nimmt das Mikro, streicht effektvoll mit einer Hand durch sein blondes Haar, schmettert ein dynamisches "Hallo" in den vollen Saal. Dann heißt es: Auf die Ohren, fertig, los.

Gnadenlos gut peitscht er sich durch seinen selbstverfassten Text. Rott beherrscht seine Stimmbänder, sein Publikum, sein Handwerk. Die Zuhörer toben, das ist gut, sind sie die Kritiker, die bestimmen, ob Rott in dem Wettbewerb weiterkommt.

Drei Durchgänge später heißt es, "Platz zwei" für den sympathischen Ex-Ahsener. Ein Konkurrenztext über Heavy Metal erntet ein paar Stimmen mehr als sein Fußballvortrag. Der 32-Jährige trägt es mit Humor, er gratuliert dem "Gegner". Für ihn ist dabei sein alles, er möchte Erfahrung sammeln, sich ausprobieren. 2004 nach dem Abi und dem geleisteten Wehrdienst nimmt er ein Studium für Latein und Geschichte an der Uni Bochum auf, 2014 ist er "fertiger" Lehrer.

In den Studienjahren bleibt nicht immer Zeit für das durch Zufall entdeckte Hobby "Poetry-Slam". Das bedauert Rott, bemerkt er früh, er ist nicht auf den Mund gefallen und kann schreiben. Zwölf Jahre gestaltet und moderiert er die Karnevalsfeiern der Meckinghover Sportschützen mit, eine gute Übung.

2009 ist seine Premiere als Poetry-Slammer, er leckt Blut. Grinsend erinnert er sich an diesen Auftritt, die schlotternden Knie, die fehlende Dynamik. Heute fängt für ihn ein guter Poetry-Slam wie ein Rockkonzert an: "Der Einstiegsapplaus drückt einen gegen die Wand. Es dauert, bis das richtige Gefühl da ist, das Publikum endlich warm wird und mitgeht."

Rott differenziert, weiß, dass ein ernster Text auch absolute Stille als begeisterte Bestätigung erhalten kann. Schreibideen findet er oft in Widersprüchen, die er vermischt, damit Spannung aufkommt. So löst seine Kombination Latein und Gangster-Rap in Essen frenetischen Jubel aus. Für seine Kurzgeschichten hat der Lehrer eine Formel entwickelt: Person-Ziel-Konflikt. Er möchte stets authentisch sein, die Rolle, die er liest, muss zu ihm passen. Regelmäßige Schreibübungen gehören für ihn dazu. Seine Frau darf die Texte als erste kritisch ins "Gehör nehmen".

Essen ist sein Lieblingsauftrittsort. Dort kennt ihn jeder, dort traut er sich am meisten, jedoch nie respektlos. Das sei für ihn ein "No-Go". 35 Siege hat der Mann mit dem schlichten Künstlernamen "Christofer mit F" bisher eingefahren. Im Mai ist er Vize-Landesmeister bei den NRW-Poetry-Slam-Meisterschaften mit nur einem halben Wertungspunkt Unterschied zum Sieger geworden. Jetzt hat er sich gerade für die deutschsprachigen Meisterschaften im November in Augsburg qualifiziert.

Rott, der schon in einem Gemüseladen in Münster aufgetreten ist oder auf einem Bierkasten stehend in der Bochumer Fußgängerzone ein Gedicht geschmettert hat, weiß, er ist angekommen. Davon leben kann er noch nicht, aber mit seinem Job als Lehrer in aller Ruhe auf den Zug warten, der ihn in die gewünschte Richtung fährt.

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