Drei Minuten pro Amputation

Oliver Mengedoht
Foto: Gerhard Schypulla WAZ FotoPool
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„Reenactment“ zeigt geschichtsgetreu Krieg und Soldaten-Alltag der napoleonischen Ära

Oer-Erkenschwick. Beinamputation ohne Betäubung, Zähne ziehen, Bleikugeln aus Wunden pulen, das alles hielten unsere Vorfahren früher problemlos aus – „und viele haben sogar überlebt“, sagt Dr. Anne-Marie Liethen.

Beim Infotag „Living History“ im Heimatmuseum erzählt sie mehr davon. Die Zahnärztin aus Oberhausen beschäftigt sich privat leidenschaftlich mit der medizinischen Technik der napoleonischen Ära. Fesselnd berichtet sie, wie das Feldbesteck von 1814 früher auf dem Schlachtfeld eingesetzt wurde, wie Arterien abgebunden werden konnten. Sie zeigt Knochensägen und Kugelzieher-Zange. „Die Menschen damals waren widerstandsfähiger“, weiß die Ärztin.

Der Schock habe manchmal ein übriges getan: „Das habe ich selbst letztes Jahr erlebt, als ich mir den Arm gebrochen habe, draufstarrte und nichts spürte.“ Heute wollten ihre Pa-tienten oft schon eine Spritze, nur weil sie in den Mund schauen will. „Wir kannten das auch noch anders“, stimmt Johanna Schürmann zu, die allerhand in der Kriegszeit er-lebt hat. „Ja, die Menschen ha-ben mehr ertragen, es ging ja auch ums Überleben“, sagt Dr. Liethen. Mit Glück sei man bei schweren Verletzungen in Ohnmacht gefallen – aber das war wohl nicht die Regel.

„Bei der Schlacht von Waterloo haben 200 Ärzte ununterbrochen eine Woche lang operiert“, sagt Dr. Liethen, nur drei Minuten hätte eine Amputation gedauert. Es habe zwar nur ungenügende Hygiene und keine Betäubung gegeben, aber die Ärzte seien schon gut ausgebildete Akademiker gewesen. Sie setzten Chinin gegen Fieber und Malaria ein, experimentierten mit Codein und fertigten Dental-Prothesen aus gezogenen Zähnen und Gebissen von Toten.

Napoleonische Kriege sind auch Thema der Reenactment-Truppe um Jochen Röttger. Der Schriftführer des Vereins für Orts- und Heimatkunde Oer-Erkenschwick erklärte, was die „lebende Geschichte“ oder auch „Geschichte leben“ bedeutet. „Das ist mehr als nur Krieg spielen.“

Klassische Museen zeigten Geschichte, aber oft in Vitrinen und recht trocken. Experimentelle Ar­chäologie bemühe sich, etwas exakt nachzubauen und die Funktion zu prüfen, etwa ein Römerschiff oder Eisengewinnung im antiken Rennofen. Bei Mittelaltermärkten stünden Unterhaltung, Spektakel und ein romantisch verklärtes Flair im Vordergrund – „Reenactment liegt irgendwo dazwischen“, sagt Jochen Röttger. Auf deutsch heißt „to re-enact“ schlicht: nachspielen.

Mit seiner überregionalen historischen Darstellungsgruppe „King’s German Legion“ beschäftigt sich Jochen Röttger mit der napoleonischen Zeit. „Das ist Geschichte zum Anfassen“, wirbt er. „Man kann riechen, schmecken, anfassen und fühlen.“ Neben dem Nachstellen von Schlachten geht es vor allem um das Biwak und die Alltagsgegenstände. „Es ist wie ein Eisberg, hinter dem Gefecht stehen Quellenstudium, Wis-sensaustausch, Stilkunde, Mu-seumsbesuche und Vergleiche – mehr als nur Ballern.“

Mit Vorträgen und Filmen erzählt Röttgen von der Völkerschlacht 1813 bei Leipzig, wo es allein 120 000 Tote gab. Enthusiasten spielen das heutzutage detailgenau nach. Hilfreich sind Bücher wie „Ein Waterlookämpfer“, die von den einfachen Soldaten erzählen. Daraus hat Jochen Röttger auch erfahren, dass Pulverhörner oft als Schnapsbehältnis missbraucht wurden.