„Don Carlos“als Vater aller Verschwörungstheorien

Don Carlos:Matthias Reichwald als Marquis Posa und Christian Friedel als  Don Carlos. Foto: Ruhrfestspiele
Don Carlos:Matthias Reichwald als Marquis Posa und Christian Friedel als Don Carlos. Foto: Ruhrfestspiele
Foto: David Baltzer

Recklinghausen. Nur nicht zu viel zumuten? Wir leben ja in einer Bilder-Ära der kurzen Aufmerk­samkeits­spanne? Immer ­nur kurz und gut? Nicht im Theater – nicht nach dreieinhalb Stunden „Don Carlos“.

Der gesamte Saal spendete Regisseur Roger Vontobel und seinen großartigen Schauspielern stehende Ovationen.

Es ist wie die Essenz gelungenen klassischen Theaters: Ein über 200 Jahre alter Text kann uns ganz nah sein. Als Übersetzungshilfe braucht es weder großflächige Streichungen noch Wechsel in die ärmere Gegenwartssprache. Schiller spricht eben in fünfhebigen Jamben von einem tragisch gescheiterten „Marsch durch die Instanzen“ – und er spricht auf dieser Bühne verständlich.

Als Meister der Sprach-Inszenierung begeisterte und beängstigte Roger Vontobel im Vorjahr mit Kleists „Penthesilea“ und einem Amazonenheer voller Furor. Schillers „dramatisches Gedicht“ am spanischen Königshof Philipp II. bestimmt eine zunächst fast unmerkliche Beschleunigung.

Die schönen Tage in den Gärten von Aranjuez sind ein Hohn: ein Planschbecken für die kleine Infantin und ein heller Schleiervorhang, der kurz die Architektur der Macht verhüllt. Als Don Carlos tappt Christian Friedel durch diese Szenerie zunächst wie ein halbes Kind: trotzig und barfuß, die Hosenbeine hochgekrempelt. Schon das staatsfrauliche Kostüm der jungen Königin (erst Don Carlos’ Braut, ehe sein Vater Philipp sie für sich beanspruchte) schafft Distanz zum unbedarften Hitzkopf.

Als Elisabeth ist Sonja Beißwenger die erste in diesem Spiel, die um ihr Gefängnis weiß – und ausspricht, was der „kleine Prinz“ erst gar nicht zu denken wagt: den Staatsstreich. Als die hellen Schleier fallen, zeigt sich Magda Willis Bühnenbild in seiner strengen Symmetrie wie eine Kulisse von Albert Speer: Wenn sich die hohen Türen öffnen, ist dahinter helles Bühnenlicht. Wenn sie knallend zufallen, ist der Königshof ein Gefängnis.

Ein einziger freier Mensch tritt hier ein für seine Ideale: Eigentlich müsste „Don Carlos“ ja „Marquis Posa“ heißen – ginge es nach der Hauptfigur, in ihrem Enthusiasmus ein Spiegelbild Schillers. Matthias Reichwalds drängende Präsenz lässt das Pathos Posas nie hohl klingen. Sein Elan begeistert für Momente sogar den König. Gegenüber dem Prinzen gibt Burghart Klaußner als Philipp II. einen kalten Strategen der Macht, herrisch. Im Gespräch mit dem Freidenker Posa wird er zum Menschen.

Den großen Satz „Sire, geben Sie Gedankenfreiheit“ reduziert Matthias Reichwald auch nicht zur Beiläufigkeit, er spricht ihn sogar auf Knien. Zum Schluss kniet auch der 60-jährige König vor dem uralten Großinquisitor. Posas Verhängnis: Er will die Macht zum Guten wenden – „für Flandern!“, ruft auch der revolutionär begeisterte Prinz – aber er greift dafür nach den Mitteln der Macht. Das komplizierte Rad aus Intrige und Gegen-Intrige strafft Vontobels Inszenierung zu gehetzten Dialogfetzen. Man muss den Details gar nicht genau folgen, um zu wissen, dass sich Prinz und Posa darin rettungslos verfingen.

Doch auch der nur im Zorn große König ist ein Gefangener: So wie ihm Lore Stefanek (die zuvor eine beflissene Zofe im vielstimmig wispernden Hofstaat spielte) nun als greiser Inquisitor den Fall des Prinzen und Posas erklärt, war auch der Machthaber ferngesteuert. Mit diesem Alptraum-Schluss wird Schillers „Don Carlos“ zum Vater aller Verschwörungstheorien.

 
 

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