Der schiefe Turm von Herten

Der Anfang vom Ende: Nach jahrelangem, teils dubiosem Gezerre steht mittlerweile so gut wie fest: Der „Blaue Turm“ ist ein Rohrkrepierer.
Der Anfang vom Ende: Nach jahrelangem, teils dubiosem Gezerre steht mittlerweile so gut wie fest: Der „Blaue Turm“ ist ein Rohrkrepierer.
Foto: WAZ FotoPool

Herten..  Der „Blaue Turm“ in Herten, mittlerweile ist er fast so bekannt wie die Blaue Mauritius. Wo seit Jahren schon aus organischen Abfällen Produktgas zur klimafreundlichen Wasserstoff- und Stromproduktion gewonnen werden sollte, wo sich regelmäßig „Promis“ und andere wichtige Menschen im vermeintlichen Klimaglanz sonnten und wo vor allem mehrere Millionen investiert wurden, gehen nunmehr wohl endgültig die Lichter aus. Seit Montag ist das Hamburger Auktionshaus Wilhelm Dechow GmbH dabei, die Restbestände der H2 Herten GmbH online anzubieten.

Der Anfang vom Ende.

Der „Blaue Turm“, er wird in die Geschichte des Kreises eingehen als der „schiefe Turm von Herten“. Ein Projekt, das höher als hoch hinaus sollte und genau deshalb letztlich auch fast brutal abschmierte.

So ist das wohl, wenn sich ein Teufelskreis erst schließt. Zuerst ging der einstige Solar-Riese Solar Millennium mit waghalsigen Wüstengeschäften in die Pleite und riss damit auch die Tochterfirma H2 Herten GmbH mit. Die sollte mit der Blue Tower GmbH, einer weiteren Solar-Millennium-Tochter, als Projektgesellschaft die Errichtung des „Blauen Turms“ anschieben und war eine von mehreren durchaus solventen Firmen und Anbietern, die unter dem großen und souveränen Dach des H2 Herten Wasserstoffkompetenzzentrums auf dem Gelände der einstigen Zeche Ewald Energiegeschichte fortschrieben, obwohl das Thema Kohle längst keines mehr ist.

Nun also sieht’s mehr als nur düster aus. Wie düster genau, verdeutlicht ein Blick auf die Liste, mit der Online-Verkäufer Dechow die Restbestände feilbietet. Trafo-Häuser, Kaffeemaschinen, Seifenspender – selbst ein Fußabtreter soll verwertet werden. Ist das nicht mehr als „Kleinkram“, könnte es bei zwei Gas-Aggregaten aber durchaus interessant werden. Der für Dechow arbeitende Düsseldorfer Gutachter Marc Standke hat die jeweils auf 225 000 Euro taxiert. Ungewöhnlich und zum „Fall Blauer Turm“ passend: Beide Aggregate, zusammen gut 1 Mio Euro teuer, sind nagelneu, aber nie am Standort Herten angekommen. „Sie lagern noch immer beim Spediteur, sind dort nie abgeholt worden.“ Eine von nicht wenigen Ungereimtheiten.

Eine andere, noch weit wichtigere Frage: Wird die Düsseldorfer Unternehmensgruppe „Concord Blue“, die sich im Rahmen der Insolvenz wie berichtet im Frühjahr 76% an der Blue Tower GmbH sicherte, ihre „Rechte“ in Indien oder anderswo umsetzen lassen, wie es etwa der seit Jahren akribisch recherchierende rührige Hertener Umweltaktivist Joachim Jürgens vermutet? Klar ist bislang, dass die Mitarbeiter der Blue Tower GmbH nach wie vor auf dem Ewald-Gelände anzutreffen sind.

„Das wahrscheinliche Aus für den Blauen Turm muss man erst einmal verdauen“, ist natürlich auch der städtische Wirtschaftsförderer und H2 Herten-Projektleiter Dieter Kwapis (53) alles andere als glücklich. Aber: „Das gesamte Wasserstoffkompetenzzentrum und die Projektgesellschaft H2 Herten GmbH muss man klar trennen. In den Bereichen Windelektrolyse und Speichermedien machen wir enorme Fortschritte.“ So habe etwa eine Firma aus Denver Interesse bekundet und sich für August in Herten angesagt. Das Thema Wasserstoff sei also noch lange nicht tot. Im Gegenteil.

Das Investitionsvolumen für den „Blauen Turm“ – die Prototypanlage zur gestuften Reformierung von Biomasse mit einer Feuerungswärmeleistung von 13 MW thermisch – war laut Landesumweltministerium mit über 39 Mio Euro veranlagt. Die Förderung belief sich auf etwa 7 Mio Euro, ausgezahlt wurden gut 3,1 Mio Euro. Geld, das das Land zurückfordert.

EURE FAVORITEN