Recklinghausen

Briefträger, wahre Tausendsassa

Ein wenig verstaubt ist das Postmuseum Recklinghausen zwar, doch die Geschichten, die sich dahinter verbergen, sind es mit Sicherheit nicht.Foto: Mengedoht
Ein wenig verstaubt ist das Postmuseum Recklinghausen zwar, doch die Geschichten, die sich dahinter verbergen, sind es mit Sicherheit nicht.Foto: Mengedoht
Foto: WAZ FotoPool

Recklinghausen.  „Schauen Sie mal, was mir eine Post-Kollegin aus Essen geschickt hat“, sagt Friedel Maurmann und lässt eine Ansichtskarte herumgehen. 55 Jahre lang war das Stück von Sylt unterwegs, mit dem Zweck, einer Dame zum Namenstag zu gratulieren.

Jetzt ist es nicht nur angekommen, sondern hat sogar einen bedeutenden Platz gefunden, nämlich im Postgeschichtlichem Museum Recklinghausen.

Die meisten der über 800 Exponate auf rund 100 Quadratmetern – sehr viele auch zum Anzufassen – wurden von den Postkennern und -bewahrern um den Oer-Erkenschwicker Friedel Maurmann zusammengetragen oder von Mitbürgern gespendet. Es sind: Briefe, Pakete, Geschirr aus der Postkantine mit Emblem, gelbe Briefkästen und royalblaue mit goldenen Verzierungen aus der Kaiserzeit, Briefmarken-Automaten, Frankiermaschinen, Originaldokumente, Bilder von Postkutschen, Postkurieren und der berühmtem Postlinde (davon später mehr), eine Galerie von Mützen, Uniformen (auch aus der DDR), quietschgelbe Post-VW-Käfer mit Bundesadler Schalter, Posthörner, und natürlich Stempel, Stempel und noch mehr Stempel.

Aktion extra für Senioren

Am Samstag hatte der 70-jährige pensionierte Postbeamte, der mit Leidenschaft und Humor durch die Ausstellung führt, besondere Gäste: Für Bewohner der Awo-Seniorenheime an der Wildermann­straße und aus Grullbad (im Laufe des Tages wurden noch Herren und Damen aus St. Hedwig erwartet) präsentierte Friedel Maurmann außerhalb der Öffnungszeit die Sammlung. Lustige, auch rührende Szenen. Mit Blick auf einen Briefkasten aus den 70er Jahren klopfte Maurmann auf die auflisteten Leerungszeiten. Eine lange Tabelle. Maurmann lobte: „Was die Kollegen damals gearbeitet haben!“ Ein beeindruckend großformatiges Telegramm mit Blumendekor zur Gratulation eines goldenen Hochzeitspaares ließ er herumgehen, hörte die Bewunderung seiner Zuhörer für das feine Exponat. Maurmann: „Wunderschön, finde ich auch. Dieses Telegramm hat die Dame bis zu ihrem Tod in Ehren gehalten. Und was bekommen Omas und Opas heute: ‘ne SMS. Die ist spätestens nach einer Woche völlig vergessen.“ Gelächter und zustimmendes Nicken.

Den Ausflug zum Postmuseum für die Senioren hatte federführend Ramona Pfeiffer organisiert. Friedel Maurmann wurde von einigen Vereinskollegen und Post-Mitarbeitern unterstützt. Es war eine Art museale Party, denn es gab auch Kaffee und Kuchen sowie Livemusik („Die Männer sind alle Verbrecher“) von Dieter Fiebing, ebenfalls ein ehemaliger „Gelber“. Nicole Rehaag, als Abteilungsleiterin der Paketauslieferung Essen auch fürs Museum zuständig, findet die Einrichtung überaus gelungen und wichtig. „Ich kann mich noch gut erinnern, dass früher die Briefträger alten Leuten ihre Rente ins Haus brachten.“

Viele stellten ihnen ganz selbstverständlich die Mülltonnen vor die Tür und wieder zurück oder verständigten einen Arzt, wenn nötig. Diese Zeiten sind vorbei, aber in dem ungewöhnlichen Museum (es gibt noch das große Postmuseum in Frankfurt/Main und ein kleines in Norddeutschland) werden sie wieder lebendig.

Nicole Rehaag: „2013 planen wir eine besondere Aktion mit der Postlinde.“ Der Baum, heute noch auf der Straße Im Stübbenberg zu bewundern, diente vor über 300 Jahren als Briefkasten.

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