Angeklagter gesteht Entführung seiner eigenen Tochter

Der Angeklagte Ersoy K. mit seinem Verteidiger vor Gericht.
Der Angeklagte Ersoy K. mit seinem Verteidiger vor Gericht.
Foto: Volker Hartmann/Funke Foto Services
Er würgte seine Frau und entführte seine Tochter nach Italien: Mit einem Geständnis hat am Montag der Prozess gegen einen Vater aus Marl begonnen.

Essen. Das Ehepaar hatte sich getrennt, stritt um den Unterhalt. Doch am 1. Juli 2015 eskalierte der Streit. Der 39-jährige Marler soll seine Frau gewürgt und die gemeinsame sechs Jahre alte Tochter mit Ziel Türkei entführt haben. Jetzt muss er sich vor dem Essener Schwurgericht wegen versuchten Totschlags, Kindesentziehung und Geiselnahme verantworten.

“Ich wollte ihr nur wehtun, töten wollte ich sie nicht”, behauptet er am Montag vor Gericht. Aber das hat ihm die Staatsanwaltschaft in der Anklage nicht abgenommen. Und er selbst hatte auf seiner Flucht mit seiner 34 Jahre alten Ehefrau telefoniert und dabei laut Richter Andreas Labentz seinen Tötungsvorsatz bestätigt: “Ja, stimmt. Ich wollte dich umbringen.” Aber dazu sagt der Elektrotechniker Ersoy K. vorerst nichts.

Die Frau gewürgt, das Kind entführt

Nur zum Kerngeschehen gibt er zunächst Auskunft und gibt zu, die Ehefrau gewürgt und das Kind entführt zu haben. Zur Vor- und Nachgeschichte will er erst später aussagen, weil er noch nicht die ganze Akte gelesene hätte.

Da gibt es viel zu erzählen. Denn seine Frau soll sich 2014 von ihm getrennt haben, weil er oft gewalttätig geworden sei. 2002 hatten sie sich kennengelernt. Ersoy K.ist in Marl geboren und aufgewachsen, seine Ehefrau dagegen in der Türkei. Doch sie ist offenbar der westlich orientierte Teil des Ehepaars und macht Kulturprobleme als Quelle der vielen Streitigkeiten aus: “Wir sind Aleviten, seine Familie ist sunnitisch, die sind viel strenger.”

Ihr Mann sei auch kein Familienmensch. Er hätte ständig Sachen gekauft, etwa Fernseher, ohne sie zu fragen. Viel Zeit hätte er am Computer verbracht, das Haus mit Kameras gesichert und auch ihr Handy abgehört.

2014 die Trennung, sie zog nach Haltern am See. Er hätte sie aber weiter bedrängt, so dass sie ein richterliches Kontaktverbot gegen ihn erwirkte.

Streit um den Unterhalt

Genutzt hat es nichts. Am 1. Juli fuhr er nach Haltern, traf Frau und Kind in einer Eisdiele an. Streit gab es wegen des Unterhaltes und des geplanten Verkaufs des Einfamilienhauses in Marl. Schnell verließen Frau und Tochter das Cafe, radelten nach Hause. Er folgte ihnen. Im Treppenhaus, es war etwa 20.30 Uhr, fiel er plötzlich über seine Frau her, drückte sie zu Boden, würgte sie. Die sechsjährige Tochter, im Treppenhaus schon einen Stock höher, schrie laut. Nachbarn kamen, rissen den Mann von seiner Frau los. “Geh weg! Ihr habt damit nichts zu tun”, soll er gerufen und sich losgerissen haben. Erneut würgte er sie, wurde erneut weggerissen.

Plötzlich stürzte er nach oben, holte ein Obstmesser aus der Küche und packte seine Tochter. So rannte er zum Auto, hielt die Nachbarn und seine Frau mit dem Messer auf Distanz. “Ich habe nichts mehr zu verlieren, weil ich schon alles verloren habe”, rief er ihnen zu.

Zweitägige Flucht endete ohne Widerstand

Dann begann die Fahrt mit der Kleinen über die Niederlande, Belgien in den Süden. In Italien stoppte er. Polizeilich unterstützt, bekam die Ehefrau telefonischen Kontakt. Er gab sich reumütig, räumte Aggressionen in der Vergangenheit ein. Schließlich willigte er ein, die Tochter Verwandten in Ulm zu übergeben und sich dabei von der Polizei festnehmen zu lassen. Am 3. Juli, zwölf Uhr mittag, endete die zweitägige Flucht. Widerstandslos ließ Ersoy K. sich in Ulm von SEK-Kräften festnehmen. Mutter und Kind sind seitdem in psychologischer Behandlung.

Zerknirscht gibt er die Tat im Gericht zu: “Mir sind die Sicherungen durchgebrannt.” Er hätte sich geärgert, weil sie aus dem Hausverkauf für sich habe Profit schlagen wollen. Sie sagt dagegen, sie hätte für sich eigentlich gar nichts haben wollen. Er müsse unter Persönlichkeitsstörungen leiden.

Insgesamt fünf Sitzungstage hat das Gericht für diesen Fall terminiert.

 
 

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