Wilhelmshöhe wurde überrannt

Josef Johannes Niedworokzeigte Bilder der Alliierten und erklärte, wie die Anlage in Velbert aufgebaut war.
Josef Johannes Niedworokzeigte Bilder der Alliierten und erklärte, wie die Anlage in Velbert aufgebaut war.
Foto: WAZ FotoPool
Gut vorbereiteter Diavortrag ging teilweise im Gaststättenlärm unter. Interessante Bilder und Informationen für alle, die einen Platz ergattert hatten

Langenberg..  Der Andrang zum Diavortrag war gewaltig. Statt der rund 40 erwarteten Besucher wollten rund 150 Interessierte den Vortrag zum vergessenen Scheindorf in Velbert in der Gaststätte Wilhelmshöhe sehen und hören.

Die ehrenamtlichen Mitarbeiter der Arbeitsgruppe Velbert des Landschaftsverbandes Rheinland/Amt für Bodendenkmalpflege waren überrascht und erstaunt. „Mit dem Ansturm haben wir wirklich nicht gerechnet“, entschuldigte sich Mitveranstalter Jürgen Lohbeck bei den vielen Besuchern, für die der geplante Raum zu klein war.

Weil die Verbindungstür zur Gaststätte offen blieb, waren die Gäste dort zu laut und die Vortragenden dafür zu leise: „Wir müssen nun das Beste daraus machen.“ Das taten dann Lohbeck, Dr. Helmut Grau, Wolfgang Erley und Josef Johannes Niedworok sehr informativ und detailliert.

Dabei scheint der Titel des Vortrages „Das vergessene Scheindorf“ nicht richtig und zu niedlich zu sein für das, was während des Zweiten Weltkrieges auf dem Gebiet der heutigen Autobahnauffahrt Langenberg erbaut und betrieben wurde.

Streng geheim

Dort entstand ab 1941 eine Attrappe der Essener Krupp-Werke (die WAZ berichtete). Rund 200 solcher Scheinanlagen erbaute das Naziregime in Deutschland. Flughäfen, Bahnhöfe oder Hafenanlagen sollten dem Gegner vorgaukeln, dort Kriegsmaschinerie vorzufinden. Die Veranstalter konnten bislang nur ein einziges Originalbild von der Rottberger Scheinwelt, aufgenommen von Helmut Böllert, bekommen. Die Scheinfabrik war streng geheim und wurde bewacht. Luftbilder der Alliierten zeigten, wie die Anlage langsam entstand. Noch im ersten Bild von 1941 war nur die Eisenbahn zu erkennen. Nach und nach wuchs die Scheinfabrik zu einer stattlichen Größe, die zu rund zwei Drittel dem Original in Essen entsprach. Das reichte völlig aus, den nach Sichtkontakt fliegenden Piloten vorzugaukeln, dass auf dem Rottberger Gelände die Kruppsche Waffenschmiede stand.

Jürgen Lohbeck sprach mit vielen Zeitzeugen, darunter Erwin Klemm, der auf Hof Winnacker lebte. Dieser erzählte, dass die Bauern, die ihre Felder um das Gebiet bestellten, abends von ihren Höfen abgeholt wurden, die Nacht z. B. in der Gaststätte Wilhelmshöhe verbrachten und früh morgens, wenn die Bombenangriffe aufhörten, zurück gebracht wurden.

Auch Flakstellungen gehörten zum Konzept der Anlage, die 3,75 Quadratkilomter groß war und teils bebaut wurde. Als die Bomber 1943 mit Bodenerfassungsradar ausgerüstet waren, wurde die Anlage enttarnt. Nun war das Ruhrgebiet Ziel der Bomber.

Die Scheinanlage wurde nach dem Krieg vollständig abgebaut: Elektriker hatten Verwendung für Kupferkabel, brennbare Materialien wärmten in den Haushalten, die Eisenbahnschienen wurden als Weidezaunpfähle eingesetzt.

 
 

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